1. – 4. Schuljahr

Thomas Heyl

Zu Besuch im Spital Muri

Wie gelingt die Visualisierung eines komplexen Sachverhalts?

Am Beispiel einer Doppelseite aus einem Schweizer Sprach-Sachbuch lässt sich zeigen, wie Sachinhalte erschlossen werden können, sobald eine Visualisierung nicht nur fachlich sondern auch gestalterisch adäquat konzipiert ist. Wenn Text- und Bildelemente sich gegenseitig ergänzen, lassen sich Qualitäten für eine vielschichtige Rezeption erkennen.

Gut die Hälfte der Fläche nimmt eine kleinteilige Illustration ein, die ein offenbar vielschichtiges Thema verhandelt. Dennoch ist der erste Eindruck der Doppelseite eher ruhig, das Layout und der Bildaufbau ist übersichtlich, die ungewohnt großen, weißen Flächen wirken nicht wie ein übrig gebliebener „Rest, sondern stabilisieren die Komposition. Aus den vielen Farben der Illustration entsteht ein harmonischer Zusammenklang. (Abb. 1 )
Der erste Blick des Betrachtenden fällt auf den Querschnitt durch das Hauptgebäude eines Krankenhauses, das sich als Teil eines größeren Komplexes von der weißen Fläche der Doppelseite deutlich abhebt. Dem gezeichneten Hauptgebäude mit markantem Dach gegenüber steht ein „Textgebäude, das ebenfalls mit einem markanten „Dach der Überschrift in halbfetten Großbuchstaben, dem ein mehrzeiliger Text unterstellt ist versehen ist. Am oberen Rand der Doppelseite Seitenzahlen, Kolumnentitel und kleine Bildsymbole; diese Elemente treten in der Aufmerksamkeitshierarchie deutlich zurück.
Es ist ein alltäglicher Sachinhalt, und doch zeigt dieses Beispiel keine alltägliche gestalterische Lösung, gerade was den Gesamteindruck und die Blickführung betrifft. Vergleicht man diese Doppelseite mit der Gestaltungspraxis in vielen gängigen Schulbüchern auf dem Markt, fällt auf, dass hier manches anders ist oder sogar „fehlt:
  • die einzelnen Elemente des Layouts sind klar hierarchisch geordnet und in einem überlegten Gestaltungsraster (durch das gesamte Buch) konsequent nach bestimmten Regeln zugeordnet. Damit ist gewährleistet, dass jede Doppelseite trotz eines jeweils eigenen gestalterischen Akzents dennoch eine verlässliche Grundstruktur aufweist, die eine schnelle Orientierung ermöglicht. Die Blickbewegungen der Lesenden sind organisiert und folgen einer redaktionellen Logik.
  • Es gibt kein Neben- und Durcheinander von konkurrierenden Bildelementen (Foto, Strichzeichnung, farbig ausgearbeitete Illustration, grafische Gimmicks, Ornamente usw.).
  • Ein Stilmix wird vermieden. Die Ästhetik der Illustration wirkt eher streng und spielt nicht mit „künstlerischen Freiheiten, zeigt aber dennoch die persönliche Handschrift der Illustratorin.
  • Eine konsequente Schriftästhetik nutzt typografische Anmutungen, unterscheidet verschiedene Textsorten sowie Schriftgrößen und typografische Auszeichnungen (z.B. ein fetter Schnitt).
  • Die Wahl einer geeigneten Darstellungsform und Abstraktionsentscheidungen begründen sich aus dem Anspruch des Sachinhalts und werden konsequent angewandt.
„Zu Besuch im Spital Muri ist eine „Strukturdarstellung mit teilweisen Prozess- bzw. Bewegungsanteilen (vgl. Thoene: „Formenvielfalt, (6) Strukturdarstellungen, in diesem Heft). Sie visualisiert einen eindeutig definierten Sachverhalt, der für die Zielgruppe neunjähriger Kinder konzipiert ist. Das Krankenhaus wird einerseits durch den Anfahrtsbereich links in den urbanen Kontext gestellt, durch die Grünzonen und vor allem durch die grafische Freistellung (die Silhouette des Gebäudes steht „ausgeschnitten auf dem weißen Blatt) wird es aber als abgeschlossene architektonische Einheit erkennbar. Damit ist die Voraussetzung für die (Wieder-)Erkennung eigener Krankenhauserfahrungen und eine konzentrierte Auseinandersetzung mit den hier verhandelten Inhalten (Krankenhaus, krank sein, Besuch machen usw.) gegeben.
Diese Inhalte sind vielfältig und weitgehend komplex. Daraus leitet sich eine gestalterische Grundentscheidung ab, bei der Visualisierung eine möglichst gute...

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