1. – 4. Schuljahr

Lis Schüler | Mechthild Dehn | Daniela Merklinger

Nikolaus mit „r

Beobachtung von Stefanie Klenz

Anfang Dezember sollen die Kinder einer ersten Klasse Wörter sortieren, in denen ein „r vorkommt am Anfang, in der Mitte und am Ende. Dazu hat die Lehrerin für jedes Kind kleine Bilder mit dem jeweiligen Wort auf der Rückseite auf den Tisch gelegt. Roller liegt da und Rucksack, aber auch Pirat und Leiter. Die Kinder haben eine Tabelle, in die sie die Wörter einsortieren sollen. Am Ende entscheiden sie selbst, welche Wörter sie abschreiben wollen, um sie auf kleinen, gelben Karten mit in den Sitzkreis zu nehmen und den anderen zu präsentieren. Alle Kinder arbeiten sehr eifrig und einige schreiben auch eigene Wörter mit „R oder „r, so auch Carter.
Er bringt eine Karte mit in den Sitzkreis, auf die er zwei Wörter mit „r am Ende notiert hat: „Roller und „Nikolausk (Abb. 1 ). Alle Kinder legen ihre Karten an die entsprechende Stelle. Carter legt seine Karte erst ganz spät zu den anderen. Die Stunde endet und ich frage Carter, welches Wort er auf seine Karte geschrieben hat. „Nikolaus!, sagt er sehr bestimmt. Ich frage: „Ist das mit einem „r am Ende? Er nickt wieder sehr bestimmt. Ich spreche ihm das Wort deutlich und mit Betonung auf dem Auslaut vor und frage ihn nochmal. Da nimmt er seinen ausgeschnittenen Nikolaus (Abb. 2 )hervor, auf dem auf der Rückseite für die Schablone „Nikolauskörper steht und zeigt ihn mir: „Da steht es doch! Nikolaus hat ein ‚r am Ende. (Abb. 3 )
Lesart
Lesart
Aufgabe Lösungswege Interaktion
Eine gute Aufgabe ist noch keine Gewähr dafür, dass die Lernenden auch die darin angelegten Lösungswege gehen. Die SchülerInnen sollen, ausgehend vom Bild, entscheiden, ob der fragliche Laut in dem Wort vorkommt und an welcher Stelle. Sie können ihre Entscheidung überprüfen, indem sie den fraglichen Buchstaben in dem geschriebenen Wort identifizieren. Anschließend sollen die Kinder die Wörter ordnen und einige abschreiben oder neu aufschreiben.
Carter hat aus den Schablonen vom Basteln ein Wort ausgesucht und abgeschrieben, allerdings unvollständig: „Nikolausk. Er denkt, dass „Nikolaus am Ende ein „r hat, weil er nicht merkt, dass auf der Schablone „Nikolauskörper steht. In der Logik der Aufgabe scheint die Annahme, dass auf der fertig gebastelten Figur „Nikolaus steht, passend. Warum er das Wort nicht vollständig abgeschrieben hat, bleibt unklar. In dem Gespräch mit der Besucherin wird deutlich, dass Carter einen anderen Lösungsweg für sich gesucht hat: Er orientiert sich einfach an den geschriebenen Buchstaben, kontrolliert aber nicht die Graphem-Phonem-Beziehung am Wort. Auch die Wortlänge könnte ein Indiz dafür sein, dass auf der Schablone nicht nur „Nikolaus steht. Ob Carter etwas bei dieser Aufgabe gelernt hat, ist fraglich.
Wir erfahren etwas von seinem Vorgehen, weil die Besucherin nicht bloß korrigiert, was er geschrieben hat, sondern ihn fragt dreimal. Und er hat offenbar genug Selbstbewusstsein, sein Verfahren offenzulegen. Dieser Einblick in seinen Lösungsweg kann eine wichtige Orientierung für weitere Lernhilfen sein. Zu kontrollieren, was er sieht, mit dem, was er hört, könnte als Extraschritt geübt werden und durch Abbildungen von Auge und Ohr auch grafisch auf den Bild-Wort-Karten angemahnt werden.
Stefanie Klenz ist Hauptseminarleiterin am Landesinstitut Hamburg.

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