1. – 4. Schuljahr

Laura Kirschneck | Susanne Thoene

Informierende Bilder

Kinderblick auf Visualisierungen

Wie rezipieren Kinder Darstellungen, die von Erwachsenen gestaltet wurden, um Sachinhalte „kindgerecht durch bildliche Mittel zu verdeutlichen? In welchem Verhältnis stehen dabei Funktion, Sachinhalt und Gestaltung aus Kinderperspektive?

Funktion
Visualisierungen werden in didaktischen Materialien mit unterschiedlichen Funktionen eingesetzt. Ob ein Bild zur Motivation, Dekoration oder Information verwendet wird, muss von Schülerinnen und Schülern zunächst entschlüsselt werden. Dann erst kann der beabsichtigte Sachinhalt in den Fokus rücken. Rau (2017) bezeichnet die Herausforderung, aus einer Visualisierung einen unbekannten Sachinhalt zu entnehmen, als „Darstellungs-Dilemma. Das heißt, dass Lernende sich oft Inhalte, die sie noch gar nicht verstehen, aus Darstellungen aneignen sollen, die sie in dieser Form ebenfalls noch nicht verstanden haben. Mehrere Studien aus der Lehr-Lernforschung regen deshalb an, die Funktion einer Visualisierung im Voraus der Betrachtung klar zu benennen, um die Konzentration der Lernenden ohne „Umweg direkt auf die dargestellten Inhalte zu lenken (Abb. 1 ).
Sachinhalt und Gestaltung
Für viele Studien in der Rezeptionsforschung gerade in Psychologie und Medienforschung werden häufig Visualisierungen verwendet, deren Abbildungen sachunterrichtliche Themen behandeln. Entsprechend könnten diese Erkenntnisse gewinnbringend für den Sachunterricht herangezogen werden. Viele Studien beziehen sich jedoch auf Jugendliche oder Erwachsene und sind daher nur eingeschränkt auf Grundschulkinder übertragbar. Denn Erwachsene sind mit Gestaltungskonventionen vertrauter als dies vor allem von jüngeren Kindern erwartet werden kann. Auch lesen sich Forschungsergebnisse teils widersprüchlich: So bezeichnet zum Beispiel die „Expertise-Umkehr (vgl. Kalyuga 2007) den Effekt, dass spezifisch angepasste Visualisierungen bei Lernanfängern zwar eine lernförderliche Wirkung zeigten, dieselben Visualisierungen sich für Lernende mit Vorwissen aber als lernhinderlich erwiesen. Entsprechend unkonkret lesen sich Gestaltungshinweise für visuelle Lernmaterialien (vgl. Mayer 2013), die auch solche Ergebnisse mit einbeziehen. Immerhin, und sozusagen als „Nebenprodukt, sind durch die Studien die teils massiven Schwierigkeiten bei der Rezeption der Darstellungen von Sachinhalten für sämtliche Altersgruppen sehr gut belegt.
Erwachsenenperspektive und Kinderperspektive
Kinder als „Zielgruppe sachunterrichtlicher Visualisierungen werden in die Gestaltungsprozesse für Visualisierungen eher selten direkt eingebunden. Dies war jedoch das ausdrückliche Anliegen einer praxisorientierten Materialentwicklungsstudie, die in Kooperation der Abteilung Kommunikationsdesign/Illustration der Designschule München an der Deutschen Meisterschule für Mode (Verantw: Nicole Seidel) mit dem Institut der Bildenden Künste der Pädagogischen Hochschule Freiburg durchgeführt wurde. Die Münchner Studierenden entwarfen Grafiken zu unterschiedlichen Sachunterrichtsthemen. Diese wurden Kindern im Alter von 8 bis 11 Jahren vorgelegt. Dabei zeigten sich Unterschiede hinsichtlich der Wahrnehmung. Einige Kinder gaben bei der Befragung zu ihrem Verstehen der Bildgeschichte „Was muss ich bei einer Schnittwunde tun? (Abb. 2 und Abb. 3 ) für die beteiligten Erwachsenen zunächst verblüffende, dann aber offensichtliche, Hinweise zu ihrer Wahrnehmung der grafischen Darstellung des Krankenhauses im letzten Bild: „Was bedeutet der Pfeil? „Vielleicht ist der Pfeil da ein Haus? Eine Zehnjährige beschriftete die Darstellung zur Klarstellung ausdrücklich mit „Das ist ein Haus!. Die Erwachsenen hingegen hatten die Darstellung des Krankenhauses als solches aufgrund des Rot-Kreuz-Symbols auf den ersten Blick verstanden und den Pfeil wie in einem Vexierbild überhaupt erst nach den Hinweisen der Kinder bemerkt.
Es gibt aber auch...

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