1. – 4. Schuljahr

Jenny Wozilka

Ich fühle mich, wie du mich siehst

Wie Bilder das eigene Körperbild beeinflussen

Dieser Beitrag stellt ein Bilderbuch vor, das sich mit dem Körper als zentralem Erfahrungsraum für die Entwicklung des kindlichen Selbstkonzeptes befasst. Welches didaktische Potenzial das Medium für die Unterrichtspraxis hat, wird am Beispiel der bebilderten Geschichte herausgearbeitet.

Ein Bild wird erst dann zu einem Bild, wenn wir uns ihm zuwenden und es betrachten. Ungesehen bleibt es ein Ding unter vielen. Das Sehen kann sehr unterschiedlich sein, flüchtig und eher unbewusst oder intensiv, sich einlassend und reflexiv. Ob Zeichnung, Gemälde, Foto oder dreidimensionales Objekt, etwas, das uns visuell gegeben ist, lässt erst in unserem Kopf unser eigenes, sehr subjektives, Konstrukt dazu entstehen, als inneres Bild, das wir uns angesichts des äußeren Bildes machen. Auch von der Person uns gegenüber machen wir uns ein Bild und nicht zuletzt von uns selbst. Um uns ein Bild von uns selbst machen zu können, sind wir auf das Bild von außen angewiesen. Hätten wir keinen Spiegel, sei es der gläserne, ein Abbild von uns oder die Rückmeldung durch andere, wüssten wir nicht, wie wir aussehen und wirken. Nicht immer aber geben Feedbacks Orientierung und sind hilfreich für den Entwicklungs- und Bildungsprozess.
Das Bilderbuch „Der Tag, an dem Marie ein Ungeheuer war (Abb. 1 ) problematisiert die Fallen und Fehleranfälligkeiten in diesem Wechselverhältnis von äußerem und innerem Bild. Inhaltlich bindet es dieses Verhältnis an ein wichtiges Thema in der kindlichen Entwicklung, an das sogenannte Selbstkonzept, das Bündel an Urteilen über sich selbst, das sich aus den Einschätzungen der eigenen Fähigkeiten ergibt und mit deren Bewertung entsprechende Gefühle einhergehen: Ich kann das. Es gelingt mir. Ich kann Schwierigkeiten überwinden. Ich fühle mich super. Ich bin unschlagbar; oder aber: Ich kann das nicht. In bin unfähig. Ich fühle mich klein, schwach und dumm.
Mein Körper, das bin ich
In der kindlichen Entwicklung nimmt der Körper als der Ursprungsort aller Erfahrung einen zentralen Stellenwert ein, wenn sich das Selbstkonzept ausbildet. Marie ist ein Kindergartenkind, das durch die unbedachten Äußerungen der Gleichaltrigen ein inneres Bild von sich selbst und seinem Körper entwickelt, das sich vom altersgemäßen Kinderkörper auf groteske Weise entfernt und zur Vorstellung führt, ein „Ungeheuer zu sein.
Das Bilderbuch visualisiert diese inneren Bilder, die angesichts der spontanen Zuschreibungen der anderen Kinder in Marie aufkommen und die sich auf verschiedene Körperteile und deren Funktionen im Körperschema beziehen: riesengroße Füße, einen dicken Bauch, eine Kartoffelnase, Flossen, Glotzaugen, eine Klappe und Borsten. Das entsprechende Bild (Abb. 2 ) macht anschaulich, wie die inneren Bilder vom eigenen Körper das Gefühl bestimmen, das als Beschämt-Sein in Geste, Körperhaltung und Farbstimmung zum Ausdruck kommt.
Verzerrendes Feedback
Diese Äußerungen der anderen Kinder werden im Bilderbuch durch eine sich vergrößernde Schrift im Erzähltext veranschaulicht und in den Bildern von Sprechblasen begleitet, deren Konturen eine zunehmende Angriffslust zum Ausdruck bringen (Abb. 3 ).
Ob dieser Eindruck von Aggressivität dem entspricht, wie die Kinder tatsächlich agieren, oder ob er eine Projektion von Marie ist, bleibt offen. Es könnten sich beide Seiten auch wechselseitig bedingen.
Die Situationen jedenfalls, die zu den Äußerungen führen, haben letztlich mit Platz- und Machtanspruch in der Kindergesellschaft zu tun, in der man „sich wehren können muss, und nicht bloß „blöd glotzen angesichts des raumgreifenden Bruders, wie die ältere Schwester weiß. Im Text heißt es, dass Marie „[] (genau auf)passte [], was die anderen redeten. Bereits zwei Kinderäußerungen zu ihrem Körper wertet sie als Beleg dafür, dass sie hässlich sei. Das „genaue Aufpassen schließt auch ein, dass sie die Sprachbilder...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen