1. – 13. Schuljahr

Thomas Heyl

Fantasie und Erkenntnis

Kinder erschließen sich zeichnerisch „schwierige Sachverhalte

Zeichnen bedeutet nicht nur Erfassen der sichtbaren Welt, sondern kann auch das Unsichtbare zugänglich machen. Wenn es für verborgene Vorgänge keine Erklärung gibt dann braucht man die Kraft der Fantasie. Über Erkenntnisse durch zeichnerische Erfindung.

Im Rahmen des Sachunterrichts in einer zweiten Klasse initiiert die Lehrerin Stefanie Schneider einen Versuchsaufbau: Jedes Kind bekommt eine Blumenzwiebel, die es in einen durchsichtigen, zur Hälfte mit Wasser gefüllten Becher steckt. In einem Forschungstagebuch halten die Kinder täglich die beobachtbaren Veränderungen an der Zwiebel zeichnerisch fest. Die Zwiebeln entwickeln im Wasser feine Wurzeln, oben bildet sich ein grüner Trieb. Zugleich wird das Wasser im Becher immer weniger. Die Kinder vergegenwärtigen sich, dass beide Phänomene offenbar miteinander zu tun haben (Abb. 1 und Abb. 2 ). Wenn der Wasserstand unten immer niedriger wird und oben eine Blume zu wachsen beginnt, dann ist das für Kinder erst einmal vertraut: Pflanzenwachstum und Wasser gehören zusammen. Doch in diesem Versuch wird der sonst eher beiläufig erlebte Zusammenhang von den Kindern als ein explizit neues und überraschendes Phänomen wahrgenommen: Das Wasser unten wird weniger und scheint oben Wachstum zu bewirken: Damit muss es sich offenbar von unten nach oben bewegen. Wie soll das gehen?
Zeichnen, was man nicht sehen kann
Auf diese Frage hin regt die Lehrerin eine Zeichenaufgabe an: Sie verteilt große Blätter. Die Kinder sollen zeichnerisch überlegen, was in der Blumenzwiebel vorgeht. Gemeinsam stellen die Kinder ihre Zeichnungen und ihre Gedanken dazu vor.
Einige Kinder scheinen einem vertrauten Konzept zu folgen, das sich die Zwiebel wie einen Uterus vorstellt (Abb. 3 und Abb. 4 ). Darin ist die Blume bereits komplett ausgebildet. Sie ist noch sehr klein und empfindlich, deshalb muss sie geschützt und vom Wasser genährt werden. Ein Junge (Abb. 5 ) definiert sein Blatt als Lebensraum im Querschnitt. Die Zwiebel wurde von Mäusen (oberer Bildrand) eingepflanzt. Die Zwiebel selbst beinhaltet ein komplexes Wasserreservoir, aus dem sich die Blumen an der Erdoberfläche bedienen. Mehrere Feuerstellen sind zu sehen, werden aber nicht erklärt. Auch dieser Junge zeigt ihm bekannte Konzepte: Blumenzwiebeln werden in die Erde eingegraben und es gibt eine Fortpflanzung der Zwiebeln. Deshalb ist neben der „Mamazwiebel eine „Babyzwiebel positioniert.
Fragen entstehen beim Zeichnen
Viele Kinder fragen sich in ihren zeichnerischen Überlegungen, wie das Wasser entgegen der Schwerkraft von unten nach oben befördert werden kann. Ein Junge verlängert die Wurzeln nach innen und übersetzt sie grafisch zu einer Seilbahn (Abb. 6 ), die in Behältern das Wasser nach oben transportiert. Ein Mädchen beantwortet sich die Frage mit den kleinsten ihr bekannten Lebewesen (Abb. 7 ). Bei ihr balancieren Ameisen auf ihrem Kopf Wasserschalen in einer endlosen Reihe. Ein anderes Mädchen greift die Idee mit den Ameisen auf und überlegt, wie das kollektive Arbeitsleben der Ameisen in der Zwiebel organisiert ist: Die Ameisen befüllen ein Bassin im Zwiebelinneren, können dieses aber in ihrer Freizeit als Pool mit Sprungturm nutzen und haben auch sonst einige Annehmlichkeiten wie Häuser zum Übernachten. Dieses Mädchen beschäftigt sich vor allem mit der Regulierung der Arbeit, deswegen erfindet es eine „Ampel, die beweglich über das Wasserbecken montiert wird: Stehe diese auf grün, müssten die Ameisen Wasser einfüllen, bei Gelb wäre die Grenze erreicht und bei Rot gäbe es nichts zu tun, dann hätten die Ameisen frei (Abb. 8 ). (Beobachtung vgl. Schreiber 2013 S. 55.)
Die meisten Kinder greifen ihre praktischen Erfahrungen mit (Speise-)Zwiebeln auf. Sie übernehmen in ihrer Darstellung zum Beispiel die sich überlagernden Schichten der Zwiebel. Die einzelnen Lagen ermöglichen Vorstellungen von...

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