1. – 4. Schuljahr

Heiner Oberhauser | Gudrun Schönknecht

Epistemisches Zeichnen

Potenziale einer vernachlässigten Denk-, Arbeits- & Handlungsweise

Kinder lernen und kommunizieren beim Zeichnen in vielfältiger Weise. Sie setzen sich dabei mit Inhalten auseinander, strukturieren sie und geben ihnen eine visuelle Gestalt. Werden diese Lern- und Kommunikationsprozesse in den Blick genommen, kann von epistemischem (wissens- oder erkenntnisgenerierendem) Zeichnen gesprochen werden.

Zeichnen lernen und zeichnend lernen
Zeichnen hat eine große Bedeutung für die Schule. Zum einen ist es wichtig, Kinder zur Teilhabe an visueller Kommunikation zu befähigen (Gretsch 2016, S. 23). Die Produktion von eigenen Visualisierung ist wesentlicher Bestandteil von Visualisierungskompetenz. Im Diskurs um einen kompetenten Umgang mit Bildern, der sog. Bildliteralität, gilt der produktive Umgang mit Bildern beim Zeichnen als „bedeutsame Komponente der Entwicklung einer allgemeinen Lernfähigkeit (Duncker und Lieber 2013, S. 8). Die Produktion von Bildern muss demnach als vor- oder überfachliche Kompetenz, vergleichbar mit der des Schreibens, verstanden werden (ebd.) und sollten bereits in der Grundschule eine wichtige Rolle spielen. An die vielfältigen Zeichenerfahrungen, die die Kinder bereits mitbringen, sollte im Unterricht angeknüpft werden, indem sie mit und an ihrer zeichnerischen Darstellungsfähigkeit arbeiten und zeichnen lernen.
Zum anderen bringt das Zeichnen vielfältige epistemische Potenziale mit sich beim Zeichnen wird gelernt und kommuniziert. Diese Potenziale haben in unterschiedlichen Lernbereichen eine hohe didaktische Bedeutung und lange Tradition, die unseres Erachtens in der LehrerInnenbildung zu wenig thematisiert wird und in der Unterrichtspraxis an Bedeutung eingebüßt hat. Aktuelle didaktische Überlegungen zum Zeichnen konzentrieren sich, außer im Kunstunterricht, auf wenige Zeichenformate, vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich (z.B. Versuche und Versuchsbeobachtungen dokumentieren, Karten und Skizzen zeichnen). In Fächern wie in Deutsch und Mathematik werden vorwiegend Mindmaps und Diagramme thematisiert. Wird Zeichnen aber in einem umfassenderen Sinn verstanden, als grundlegende Ausdrucksform und überfachliche Kompetenz, ist eine allgemeindidaktische Perspektive erforderlich: Epistemisches Zeichnen kann und sollte selbstverständlich in allen Lernbereichen genutzt werden. Der Sachunterricht bietet hier das größte Spektrum an methodischen und inhaltlichen Kompetenzen, die auch zeichnerisch bearbeitet werden können. Didaktisch relevant ist, dass und wie Kinder zeichnend lernen.
Das Spektrum zeichnerischen Lernens
Lehrkräfte müssen abwägen, wann eine Zeichenaufgabe überhaupt Sinn macht, wie unterschiedliche Arten zu zeichnen in Beziehung zueinanderstehen und wie diese didaktisch sinnvoll an bestimmte Lerngruppen und Unterrichtssituationen angepasst werden können. Zeichnen ist keine eng definierte Methode, die immer auf dieselbe Art eingesetzt werden kann, es kann im Unterricht auf sehr unterschiedliche Weise lernförderlich eingesetzt werden.
Typologie des epistemischen Zeichnens
Eine Typologie des epistemischen Zeichnens (Oberhauser 2017) differenziert die große Vielfalt an unterschiedlichen Weisen zeichnerischer Auseinandersetzung. Sie geht dazu von drei Fragestellungen aus (vgl. Oberhauser/Schönknecht 2018).
Welche Form der Auseinandersetzung mit der Welt findet beim Zeichnen statt?
Sachorientiertes Zeichnen
  • Erfassendes Zeichnen: Inhalte und Gegenstände werden möglichst objektiv dargestellt.
  • Entwerfendes Zeichnen: Gegenstände und Vorgänge werden zeichnerisch geplant.
Subjektorientiertes Zeichnen
  • Auslegendes Zeichnen: Beim Zeichnen von Inhalten und Gegenständen spielt deren subjektive Bedeutung eine wichtige Rolle.
  • Erzeugendes Zeichnen: Eigene Vorstellungen und Welten werden entworfen.
Auf welche Lernprozesse ist das Zeichnen ausgerichtet?
Prozessorientiertes Zeichnen
  • Zeichnen als...

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