1. – 4. Schuljahr

Norbert Kruse

Schlechterer Unterricht an Grundschulen durch Seiteneinsteiger?

Nicht persönlicher guter Wille, sondern mangelnde Lehrerbildung erzeugt Verlust von Unterrichtsqualität

Kann man sich vorstellen, dass eine verkürzte Schulung von Richtern oder Ärzten die Qualität von Gerichtsurteilen oder chirurgischen Eingriffen sichert? In Grundschulen jedenfalls führt der Mangel an Lehrkräften zur massiven Einstellung von verkürzt und nicht angemessen ausgebildeten Personen. Im Unterschied zum Gerichtswesen oder zur Medizin wird ein Verlust an Qualität jedoch in Kauf genommen. Die Zitate werfen einige Schlaglichter auf die aktuelle Situation.
Verschärft der Lehrermangel die ungleichen Bildungschancen?
Die Bedarfe der Schulen finden auf Grundlage des Drucks, der auf der Bildungsadministration lastet, keine Berücksichtigung mehr.
„Ein großes Problem ist die Verteilung der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. In Berlin etwa sammeln sich die nicht regulär ausgebildeten Lehrkräfte vor allem an Brennpunktschulen. Die Zulage, die die Regierung für Schulen in schwierigen Lagen versprochen hat, hat offenbar nichts gebracht. Wie kann die Politik hier entgegenwirken?Die ungleiche Verteilung des Lehrkräftemangels ist ein großes Problem. Hier beißen sich zwei Prinzipien. Anders als früher können sich die Schulen vieler Länder heute die Lehrkräfte selbst aussuchen. Das ist im Zuge der wachsenden Eigenverantwortung der Schulen so gewollt, schließlich können sie dadurch besser auf ihren Bedarf und auf ihr Profil vor Ort bei der Auswahl der Pädagoginnen und Pädagogen eingehen. Dieser vernünftige Ansatz wird nun in der Mangelsituation pervertiert. Die gut ausgebildeten Lehrkräfte gehen eben oft lieber an die Schulen in einem bildungsbürgerlichen Umfeld als an Schulen in kritischen Lagen. Für die Schulen, die ohnehin schon mit massiven Herausforderungen zu kämpfen haben, ist der hohe Anteil an nicht voll ausgebildeten Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern eine Katastrophe. Einfach zu lösen wäre das Problem, indem man zu einer zentralen Zuweisung des Personals zurückkehrt. Da das aber nicht gewollt ist, müsste man mit massiven Anreizen reagieren. Allein der finanzielle Anreiz reicht da möglicherweise nicht aus. Allerdings ist es auch zu früh, Schlussfolgerungen zu ziehen, was die Wirksamkeit der Maßnahme betrifft. Das muss man über mehrere Jahre beobachten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zulage in einzelnen Ländern auswirkt.
Mehr Grundschullehrkräfte als gedacht fehlen.
In welcher Situation befinden sich die Grundschulen? Warum kommt es zur Einstellung von so vielen Quereinsteigern?
„Es ist eine Fehlkalkulation mit drastischen Folgen. Rund 15.300 Grundschullehrer würden im Jahr 2025 mindestens fehlen, war das Ergebnis der Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) im vergangenen Jahr. Eine große Lücke also, die zwischen Angebot und Nachfrage klafft. Tatsächlich werden allerdings noch deutlich mehr Pädagogen fehlen nämlich insgesamt mindestens 26.300. Zu diesem Ergebnis kommen die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn in einer aktuellen Analyse für die Bertelsmann-Stiftung. ‚Die Politik muss sich darauf einstellen, dass die Herausforderung noch deutlich größer ist, als sie bislang dachte, sagt Co-Autor Zorn.
Verschärft der Lehrermangel die ungleichen Bildungschancen?
Bildungsforscher Klaus Klemm zur Frage: Verschärft der Lehrermangel die ungleichen Bildungschancen?
„Ja, der Lehrermangel wird die soziale Schieflage an den Grundschulen weiter verstärken. Das Problem betrifft vor allem Schüler aus sozial schwachen Familien, für die die Schule der primäre Lernort ist. Andere Familien können es...

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