1. – 4. Schuljahr

Die Serie „100 Jahre Grundschule wird moderiert von Jörg Ramseger.„Ich habe einen Riesenrespekt vor Ihrer Arbeit!

Rede des Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zum 100. Geburtstag der Grundschule und 50. Geburtstag des Grundschulverbands am 13. September 2019 in der Frankfurter Paulskirche

Vor hundert Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution von 1918/19, wurde in Deutschland Wirklichkeit, wofür Pädagogen und Bildungsreformer lange gekämpft hatten: Die Weimarer Nationalversammlung verankerte die allgemeine Schulpflicht in der Verfassung der ersten deutschen Demokratie und sie kündigte in Artikel 146 eine „für alle gemeinsame Grundschule an.
Was die Nationalversammlung damals in nüchterner Sprache festschrieb, war nicht weniger als eine demokratische Revolution auch in der Schulpolitik. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte sollten alle Kinder gemeinsam in die Schule gehen, unabhängig von ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung oder dem Religionsbekenntnis ihrer Eltern.
Endlich sollte Schluss sein mit der Standesbildung des Kaiserreichs, wo Kinder aus wohlhabenden Schichten auf Vorschulen, Privatschulen oder von Hauslehrern aufs Gymnasium vorbereitet worden waren, während, wie es damals hieß, Armeleutekinder die Volksschulbank drückten, oft getrennt nach Geschlecht oder Konfession.
Kein Wunder also, dass die Schulpolitik zu Beginn der Weimarer Republik genauso heftig umstritten war wie die Demokratie selbst. Im Kulturkampf um die Grundschule spiegelte sich die ganze Zerrissenheit der damaligen Gesellschaft: Das Zentrum wollte die Konfessionsschulen erhalten; Konservative liefen Sturm gegen das, was man damals Einheitsschule nannte; Eltern aus der Oberschicht setzten alles in Bewegung, um ihre Kinder dort nicht einschulen zu müssen.
Ich finde, es ist ein unschätzbares Verdienst der führenden Bildungspolitiker der Weimarer Koalition, dass sie damals um Kompromisse rangen und die gemeinsame Grundschule durchsetzen konnten, allen Widerständen zum Trotz.
Denn nun kamen, zumindest in den vier untersten Klassen und so ist es in den meisten Bundesländern bis heute , plötzlich Kinder aus den verschiedensten Elternhäusern zusammen. Kinder, die vorher oft nichts miteinander zu tun gehabt hatten. Und ich könnte mir vorstellen, dass das, was wir heute gern Heterogenität nennen, für die Lehrer schon damals eine Riesenherausforderung war. Die Grundschule der Weimarer Republik wurde jedenfalls zu einer anderen Schule, in der damals, in den 1920er-Jahren, auch viele neue Unterrichtsformen ausprobiert wurden. Kaum jemals in der deutschen Bildungsgeschichte war die Debatte um neue Schulformen und um neue pädagogische Ansätze so lebendig und kreativ wie in diesen Jahren. Heutige Bildungsreformdebatten gründen im Grunde genommen immer noch auf der Debatte der Zwanzigerjahre.
Viele Demokraten knüpften damals große Hoffnungen an diese Bildungsreform und an die Gemeinschaftsschule. Sie wollten den Zusammenhalt in der tief gespaltenen Gesellschaft stärken, Fundamente für ein demokratisches Miteinander legen. Und sie wollten mehr Gerechtigkeit im Bildungswesen schaffen. Auch nach der Grundschule sollte die Schullaufbahn von „Anlage und Neigung abhängen, nicht von der Herkunft oder dem Bekenntnis der Eltern. „Freie Bahn jedem Tüchtigen„ das war der Slogan, der heute ein bisschen oldschool klingt, damals aber im Kampf gegen Standesprivilegien geradezu revolutionär war.
Die Grundschule für alle war damals der Versuch, jedem einzelnen Kind, aber auch der jungen deutschen Demokratie den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu ebnen. Sie zählt zu den großen demokratischen Errungenschaften des Jahres 1919; sie steht für den Aufbruch in eine gerechtere Gesellschaft, genauso wie das Frauenwahlrecht oder die Betriebsverfassung.
Ihre Gründung vor hundert Jahren ist auch den vielen Vordenkern und Vorkämpfern zu verdanken: von Johann Comenius, Wilhelm von Humboldt und...

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