1. – 4. Schuljahr

Lis Schüler | Mechthild Dehn | Daniela Merklinger

Daniel beobachtet Schnecken

Beobachtung und Lesart von Marina Bonanati

Daniel ist im 3. Schulbesuchsjahr Schüler einer jahrgangsübergreifenden Klasse 1/2. Während einer Projektwoche sitzt er an einem Gruppentisch. Jedes Kind hat eine Schnecke auf einem Tuch vor sich. Der Schüler notiert Beobachtungen zu einem Versuch auf der Vorderseite eines Arbeitsblattes zum Sehvermögen von Schnecken und dreht dann das Blatt um. Auf der Rückseite werden die Schülerinnen und Schüler dazu aufgefordert, ihren Finger langsam den Fühlern zu nähern und zu beobachten, was passiert.
Daniel liest und bewegt anschließend seinen Finger langsam auf die langen Fühler einer Schnirkelschnecke zu. Er hält den Finger einige Sekunden ruhig vor der Schnecke und sagt: „Guck mal. Alle Kinder am selben Gruppentisch schauen zu zwei Weinbergschnecken, die auf einer Plastikrampe übereinander kriechen. Daniel kommentiert lachend: „Immer die Schnecken an diesem Tisch paaren sich. Er schaut weiter auf die zwei Weinbergschnecken und dann auf seine Schnirkelschnecke. Er sagt: „Guck mal und deutet dabei auf das Ende des Kriechfußes. Er lässt seinen Blick durch den Raum schweifen und schaut dann auf das Blatt seines Tischnachbarn Nino. Er schreibt daraufhin: „D. Anschließend unterhalten sich die Jungen über die zwei Schnecken auf den kleinen Rampen. Ich verstehe nicht genau, was sie sagen, höre aber immer wieder Motorengeräusche (wie bei einem Rennen). Daniel legt den Kopf auf den Tisch und schaut die Schnecken an. Dann sagt er zur Lehrerin: „Frau Adler, können wir nach den Eiern gucken? Sie fordert ihn auf, zunächst seine Beobachtung zu notieren, und dann könnten sie gucken. Er schreibt: „DIE DREHT. Dann setzt er die Schnirkelschnecke auf seinen linken Arm, der ruhig auf dem Tisch liegt. Seine Augen wandern abwechselnd von der Schnecke auf seinem Arm zu den anderen Kindern am Gruppentisch. Die Schnecke kriecht um seinen Arm herum. Je weiter die Schnecke nach unten wandert, desto mehr dreht er seinen Arm (nach links) und schließlich auch seinen Oberkörper (nach rechts). Die Lehrerin fragt Nino, ob er mit Daniel schreiben könne. Daniel zeigt Nino, wie schnell die Schnecke auf seinem Arm „läuft. Er zieht sie vorsichtig von seinem Arm ab und schaut sie von unten an: „Man sieht hier das kleine (Atem?)-Loch. Er setzt sie zurück auf das Tuch. Die Lehrerin kommt hinzu und fordert Daniel auf zu schreiben. Dann sagt sie: „Probier erstmal aus. Nino hält daraufhin seinen Finger kurz vor die Fühler seiner Weinbergschnecke. Die Lehrerin bittet die Jungen, länger zu schauen und sich auch die Augen der Schnecke anzusehen. () Dann sagt Nino, bezogen auf seine Weinbergschnecke: „Guck mal, da passiert gar nichts. Daniel schaut zu und dann schreibt er weiter: er: „SICH UM.
Marina Bonanati ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt a.M.
Lesart
Die Szene zeigt, dass das Lernsetting den Schülerinnen und Schülern Erfahrungen im Umgang mit Schnecken und den Austausch darüber ermöglicht. Daniels Auseinandersetzung bewegt sich zwischen der durch die Aufgabe vorstrukturierte Art der visuellen Wahrnehmung und deren schriftlicher Dokumentation sowie verschiedenen eigensinnigen Deutungen allein und mit seinen Tischnachbarn. Der Schüler wechselt anscheinend mühelos zwischen verschiedenen Modi der Annäherung und schafft sich so einen Zugang zur Sache, der sich auf mehreren Repräsentationsebenen bewegt.
Daniels Annäherung an die Schnecke
Daniel setzt sich mit einem Gegenstand des Sachunterrichts intensiv und mit wechselnden Annäherungsweisen auseinander.
  • Visuell wahrnehmen: Er orientiert sich zunächst an der Beobachtungsaufgabe, indem er sich der Schnecke achtsam mit dem Finger nähert. Die Schnirkelschnecke steht im Fokus seiner individuellen Aufmerksamkeit.
  • Assoziieren: Die Aktivitäten zweier Weinbergschnecken bündeln die Aufmerksamkeit aller Kinder am Gruppentisch....

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