1. – 4. Schuljahr

Mechthild Dehn im Gespräch mit Swantje Weinhold

Lernwege der Kinder beim Schreiben

Mechthild Dehn: Seit mehr als zwanzig Jahren forschen Sie zum Rechtschreiben und Lesen und zum Textschreiben. Was war für Sie besonders überraschend?
Swantje Weinhold: Was mich immer wieder überrascht, sind die Lernwege der Kinder: wie unterschiedlich sie sind, wie sprunghaft sie zum Teil sind und wie sehr ich denke, ich wüsste, auf welchem Weg sie gehen, und dann werde ich von dem, was ich sehe, überrascht. Das gilt sowohl fürs Textschreiben als auch fürs Rechtschreiben und fürs Lesen.
MD: Man denkt, man weiß etwas und weiß es doch nicht.
SW: Ja, und freut sich, von den Kindern an die Hand genommen zu werden auf ihren Wegen: „Zeig mir mal, wo du langgehst, und dann begleite ich dich.
MD: In Ihrem Handbuchbeitrag zum Schreiben in der Grundschule (2014) definieren Sie die Aufgabe und Funktion des Schreibens so: „Schreiben erlaubt die Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken, die einem in der Schrift gegenübertreten, und es erfordert, „die Sprache selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen (S. 143). Das sind zwei wichtige Perspektiven: der Stolz, das Glück, das Erstaunen mit dem ersten eigenen Text und der Anspruch, Sprache zum Gegenstand zu machen, der so weit von allen Alltagserfahrungen entfernt ist.
SW: Beides ist sehr zentral für Lernprozesse, gerade am Anfang, und ich finde spannend zu sehen, wie Kinder im Anfangsunterricht beides machen, wenn man ihnen dafür Raum gibt: diese unglaubliche Freude über den ersten Text, die Begeisterung, dass da etwas steht, was jemand anderes auch lesen kann. Ich hatte gestern wieder so eine Szene, wo ein Junge in einem Übungsheft einen Brief schreiben sollte und das auch getan hat, und dann kam die Lehrerin und sagte: „Hast du nicht Lust, den Brief auf eine richtige Postkarte zu schreiben und wirklich an ihn zu schicken? (Das ist sein Freund und Sitznachbar!) Dieses Kind leuchtete und hat seinen Text übertragen auf eine Postkarte (Abb. 1 ), und die Lehrerin hat die Adresse rausgesucht und eine Briefmarke besorgt und dann sind sie gemeinsam zum Briefkasten vor der Schule gegangen. Das war so eine beglückende Szene: die Erfahrung des eigenen Textes für einen anderen, ein Brief an den Sitznachbar. Und der Lehrerin war wichtig, dass der Brief um die Welt geht, bevor er zu Hause ankommt.
Am zweiten Aspekt, der Reflexion über Sprache und Schrift, ist für mich bemerkenswert, dass die Kinder das auch noch tun, dass sie, wenn man einen Anstoß dafür gibt, mit einem über Schrift ins Gespräch kommen: „Wie klingt das; wo hört das Wort auf; was ist das überhaupt für ein Wort? Wir hatten jetzt so eine Szene: Ein Mädchen in Klasse 2 sagte immer, seine Lieblingsfarbe sei *Tüllkis. Und dann haben wir das Wort richtig aufgeschrieben. Da sagte das Mädchen: „Da steckt ja das Wort ‚Tür drin. Erst als das Wort aufgeschrieben war, konnte es das Wort richtig sprechen und mir war noch nie aufgefallen, dass „Tür darin steckt. Also ein Moment von Reflexion, die über die Schrift möglich wird und über das Gespräch: Sprechen über Schrift.
MD: Dann sind wir ja schon fast bei den Rechtschreibgesprächen.
SW: Ich finde, das ist noch etwas anderes: Weil es so stark an Bedeutung und an bedeutsame Bedeutung geknüpft ist, ist es nicht nur die Frage: Warum schreibt man das Wort?; sondern: Es ist mein Wort, mit dem ich mich befasse, und darüber denke ich nach.
MD: Vielleicht hat dieses Mädchen bei dem Wort wirklich an Tüll gedacht.
SW: Das kann gut sein, denn zum Beispiel Anna und Elsa, die Disneyfiguren, tragen Röcke aus Tüll in dieser Farbe. Wenn ich wieder in diese Klasse komme, möchte ich mit dem Kind zusammen nach der Herkunft dieses Wortes suchen, also ein etymologisches Wörterbuch, ein Lexikon, mitnehmen (s. Anmerkung). Und vielleicht auch mit ihm darüber sprechen, dass jeder Wörter „hat, bei denen er erst an der Schreibung gemerkt hat, dass sie anders „heißen, bei mir war das...

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