1. – 4. Schuljahr

Maik Philipp

Der Computer als Lese- und Schreibtool

Neue Chancen, neue Herausforderungen

Digitales Lesen und Schreiben sind längst Usus. Doch das Nutzen des Computers für den versierten Umgang mit Texten ist kein Selbstgänger. Die Forschung zeigt, dass sich beim Lesen derzeit eher Risiken abzuzeichnen beginnen, während beim Schreiben die Lage optimistischer wirkt. Doch wo genau liegen die Probleme, wo die Potenziale?

Digitale Tools verändern nachhaltig, wie wir lesen und schreiben. Neue Forschungsbefunde illustrieren, vor welchen Chancen und Herausforderungen wir aktuell stehen. Chancen eröffnen sich zum Beispiel beim Schreiben am Computer mit Software. Probleme machen sich derzeit vor allem beim Lesen bemerkbar. Es gibt also eine Ungleichzeitigkeit der positiven und problematischen Effekte digitaler Lese- und Schreibtools. Beides bedarf einer angemessenen didaktischen Reaktion.
Lesen und Schreiben: diverse Prozesse im Verbund
Um die Effekte des Computers als Lese- und Schreibtool besser einzuschätzen, hilft eine Verortung innerhalb der zentralen Prozesse des Lesens und Schreibens (s. Tabelle 1 „Systematisierung).
Tabelle 1: Systematisierung
Tabelle 1: Systematisierung
Von hierarchiehohen und -niedrigen kognitiven Lese- und Schreibprozessen
Die Lese- und Schreibforschung geht davon aus, dass im Umgang mit Texten zwar Eigenheiten im Sinne einer Domänenspezifik existieren. Strukturell gesehen gibt es jedoch Gemeinsamkeiten, wenn man die Prozesse in hierarchiehohe und -niedrige Sammelkategorien einteilt:
  • Als hierarchiehoch gelten (meta-)kognitiv anspruchsvolle, im weitesten Sinn steuerbare und strategische Prozesse, die sich auf die Verarbeitung von relativ vielen Informationen beziehen.
  • Als hierarchieniedrig werden jene Prozesse bezeichnet, die automatisiert ablaufen, wenig bewusste Steuerung erfordern und sich eher auf geringere Informationsmengen beziehen.
Bei dieser Unterscheidung ist zen-tral, dass das, was als hierarchieniedrig gilt, je nach Zeitpunkt des Kompetenzerwerbs durchaus hierarchiehoch ist. Jede Lehrperson, die im Erstlesen und -schreiben unterrichtet, weiß ein Lied davon zu singen, wie viel bewusste Steuerung und Willenskraft das Entziffern bzw. Schreiben von Graphemen erfordert. Am Ende der Grundschulzeit sollte durch viel Übung und Automatisieren derlei zunächst Hierarchiehohes den Status Hierarchieniedriges erhalten haben. Es sollten dann mehr Ressourcen für die durch die exekutiven Funktionen beeinflusste Verarbeitung zur Verfügung stehen. Dadurch können die beiderlei erforderlichen, im Verbund interagierenden Kategorien von Prozessen störungsarm ablaufen.
Doch wo spielt bei diesen Prozessen der Computer als Tool eine Rolle? Bezogen auf das Schreiben sind die hierarchieniedrigen Prozesse zuvorderst anzuführen, genauer: das Verschriften als unmittelbare Herstellung von Texten und Textbestandteilen. Hier ist die graphomotorische Ausführung betroffen, also das Herstellen von Text durch unmittelbar körperlich zu vollziehende Handbewegungen. Anders als beim Schreiben mit dem Stift geht es graphomotorisch zuvorderst um das zügige und trotzdem genaue Drücken von Tasten. Gleichwohl wirkt sich beim Schreiben am Computer das Medium auf andere, hierarchiehohe Prozesse aus, vor allem auf das Überarbeiten, das durch das bequeme Verändern von digitalen Texten prinzipiell erleichtert wird.
Im Falle des digitalen Lesens gelten das Bilden von Inferenzen (textbasiertes Schlussfolgern) und das Herstellen globaler Kohärenz (Erkennen von übergeordneten Themenzusammenhängen) als Schwierigkeiten bei den hierarchiehohen Prozessen. Sie setzen ihrerseits genaues Dekodieren und das Auffinden von Inhalten (Propositionen) voraus und damit ein ausreichend genaues und auf Tiefenverarbeitung abzielendes Verarbeiten. Hier scheint sich in der jüngeren Forschung ein Problem einer zu oberflächlichen Verarbeitung abzuzeichnen.
Computer als Lese- und Schreibtool: paradoxe Effekte
Die...

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