1. – 4. Schuljahr

Norbert Kruse

Die Handschrift von Politik und Öffentlichkeit

Grundschulen als Projektionsfläche für die neue Faszination des Autoritären

Grundschulen sind seit mehr als 35 Jahren Impulsgeber für Schulreformen und innovativen Unterricht. Sie waren Reformmotor, weil Lernende als Subjekte ihres Lernprozesses im Unterricht verstanden wurden, weil das Lernen an bedeutsamen Inhalten ermöglicht werden sollte und weil die Spracherfahrungen der Kinder zum Gestaltungsprinzip des Unterrichts zum Schrifterwerb gemacht wurden. Seit einigen Jahren sind kulturelle Verschiebungen und Entwicklungen zu beobachten, die die Grundschule zur Projektionsfläche für die Faszination des Autoritären werden lassen. Von den Landesregierungen wird u.a. mit Verboten in die Unterrichtsgestaltung eingegriffen. Öffentlichkeit und Politik fordern mehr Disziplin und weniger Offenheit, mehr Lehrgangsarbeit und weniger Lernen nach individuellen Möglichkeiten, mehr Kontrolle und weniger Freiraum. Wissenschaft und die Erfahrungen von Lehrkräften sind nur dann relevant, wenn sie in die neue politische Haltung passen. Drei Kernaufgaben der Grundschule stehen in der bildungspolitischen Öffentlichkeit im Brennpunkt:
  • der Rechtschreibunterricht, der mit der Einführung eines politisch beschlossenen Grundwortschatzes verbessert werden soll,
  • der Schriftspracherwerb, der mit dem Verbot von „Lesen durch Schreiben besser werden soll
  • und das Schreiben mit der Hand, das mit dem Verbot der „Grundschrift erhalten bleiben soll.
Ein Beispiel aus jedem Bereich, dem jeweils eine wissenschaftliche Position gegenübergestellt wird:
Politik zum Grundwortschatz
Unter der Zwischenüberschrift „Bildungssprache Deutsch fördern wird im Hessischen Koalitionsvertrag für die 20. Legislaturperiode die Einführung eines Grundwortschatzes gefordert, Zeile 3474/3475:
Quelle: KOALITIONSVERTRAG zwischen CDU Hessen und BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN Hessen für die 20. Legislaturperiode „Aufbruch im Wandel durch Haltung, Orientierung und Zusammenhalt https://www.hessen.de/sites/default/files/media/staatskanzlei/koalitionsvertrag_20._wahlperiode.pdf (ges. am 10.12.2019)
„Deshalb sprechen wir uns gegen die Unterrichtsmethode ‚Lesen durch Schreiben (Schreiben nach Gehör) aus. Die dauerhafte Implementierung des eingeführten Grundwortschatzes soll darüber hinaus zur Förderung von Deutsch als Bildungssprache beitragen. Zeile 3474/3475.
AfD Rheinland-Pfalz: Joachim Paul, bildungspolitischer Sprecher und stellvertretender Vorsitzender der AfD-Fraktion: „Mit der Einführung eines verbindlichen Grundwortschatzes wird eine Kernforderung der AfD erfüllt AfD wirkt! Allerdings ermutigen wir Bildungsministerin Hubig, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben. Wir halten daran fest, dass ein Grundwortschatz von 1200 Wörtern angestrebt werden muss. 700 sind entschieden zu wenig.
Wissenschaft zum Grundwortschatz
In der Wissenschaft wird der Grundwortschatz in erster Linie im Zusammenhang mit dem Erwerb von Rechtschreibfähigkeiten untersucht und diskutiert.
Quelle: Brügelmann, Hans: Was bringt die Arbeit mit einem Grundwortschatz für die Förderung der Rechtschreibkompetenz? Empirische Befunde aus Studien zur Wortauswahl und zu Lerneffekten des Übens. 2019, 45 S. URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-170770 (ges. am 10.12.2019)
„Kurz zusammengefasst: Die Konzentration von Rechtschreibaufgaben auf eine begrenzte Wortauswahl („Grundwortschatzarbeit) hat sich in unterschiedlichen Formen und Kontexten als sinnvoll erwiesen, die verbindliche Vorgabe einer für alle Kinder gemeinsamen Wortauswahl („Grundwortschatzlisten) dagegen nicht. Allgemeine Verwendungshäufigkeit der Wörter und Umfang der Liste sind weniger bedeutsam für die Wirksamkeit der Grundwortschatzarbeit als die persönliche Bedeutsamkeit der Wörter und die Beachtung ihrer orthographischen Muster und Besonderheiten. Insofern ist...

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