1. – 6. Schuljahr

Claudia Osburg

Was bist du (mir) wert?

Wertschätzung in schulischen Kontexten

Wer Wertschätzung als Begriff in Suchmaschinen eingibt, wird auf Seiten zu Führungseffektivität, Coachings oder Konfliktberatung gelangen. In schulischen Kontexten, und das erstaunt, wird der Begriff selten verwandt; vielmehr ist hier von Lob die Rede.

Student(inn)en und Referendar(inn)e(n) lernen die Bedeutung von Lob kennen, gepaart aber mit Kritik. Verenas Seminarleiter meldet ihr zurück: „Ihnen ist heute der Einstieg in die Stunde gut gelungen …“ und Verena merkt, wie sich ein Kloß im Hals bildet: Sie kann das Positive nicht wahrnehmen, weiß sie doch, dass gleich das „Aber folgt.
Die Studienrätin Micaela Grohé (2012) zeigt das Problem des Lobes in schulischen Kontexten markant auf. Kinder werden als unvollkommen gesehen. Fehler sind „Störungen, die es auszugleichen gelte auch wenn sie eigentlich der Normalfall auch nach Schulabschluss auf dem Weg zu einem „unerreichbaren Ideal sind. Kritik, so eine weit verbreitete Meinung, sei der Schlüssel zum Erfolg und Kindern helfe sie. Einem selbst tut sie weh. Der Kloß sitzt immer noch bei Verena im Hals. Kinder müssen aushalten, woran wir manchmal scheitern.
Prozess- anstatt Ergebnisorierntierung
Jan hat früh gelernt, dass er in der Schule Leistungen erbringen soll. Die Lehrerin lobt ihn für seine Leistungen, seine Eltern freuen sich und seine Großmutter gibt ihm Geld für jede gute Note. Seine Leistungen werden honoriert und er als Person? „Lob, so Grohé, „wird punktuell für ein Ereignis gespendet und enthält immer eine Wertung, wohingegen Ermutigung den Prozess begleitet und sich häufig auf die Fähigkeit, durchzuhalten und auf das bereits Geleistete bezieht. (Grohé 2012, S. 51).
In der Schule bewegen wir uns zwischen Ermutigung Lob und Entmutigung, zwischen Beschämungen und Wertschätzungen. Und das Problem: Wertschätzen kann man nur das, was man selbst als wertvoll erkannt hat. Er ist damit in pädagogischen Kontexten ein subjektiver Begriff, der eigene Wertigkeiten impliziert. Dient Wertschätzung zur Ermutigung, um individuelle Fähigkeiten zu erweitern, so ist der Blick auf das Kind gerichtet. Perspektivwechsel heißt auch hier der Zugang zu den Kindern, bei dem die eigene Wertigkeit von Verhalten oder Ereignissen in Frage gestellt wird.
Die Beiträge in diesem Heftteil
Wertschätzung beruht auf Einbildungskraft und einem Perspektivwechsel, bei dem jedem Verhalten ein subjektiver Sinn unterstellt werden kann, so betont der Erziehungswissenschaftler und Psychologe André F. Zimpel in seinem Beitrag.
Kinder wertschätzen und nicht beschämen ist auch ein wichtiges Prinzip in der Montessoripädagogik. Wertschätzende Elemente sind sowohl der Didaktik (inklusive der Materialien) immanent als auch in der pädagogischen Haltung des Lehrenden verankert wie die Montessoripädagogin und Schulleiterin Ulrike Hammer im Heft aufzeigt: Montessoripädagogik ist Wertschätzung.
Auch in „Regelschulen gelingt Wertschätzung. Interesse am Schüler haben, die Perspektive auf seine Werte zu kennen, das tut nicht nur den Kindern gut, sondern dem Klassenklima insgesamt. Die erfahrenen Pädagoginnen Nele Schubert und Ulrike Schulz-Robinson zeigen auf, wie sich eine wertschätzende Haltung auf das Unterrichtsklima auswirkt und Beate Leßmann und Eva Knopp verdeutlichen, dass auch Aufgabenstellungen wertschätzende Elemente haben können.
Aber nicht nur Kindern sollte wertschätzend begegnet werden: Eltern sollten in schulische Prozesse partnerschaftlich einbezogen werden nicht als Co-Lehrer, aber als Experten für ihr Kind, als wertvolle Mitglieder, die Einfluss auf das Klassenklima haben. Dies wird im Interview mit drei Eltern deutlich. Ihre Kinder besuchen Schulen, in denen eine wertschätzende Haltung ein zentrales Element gelungener Inklusion darstellt.
Literatur
Grohé, Micaela (2012): „Sehr gut Erik. ABER …“ Lob und Ermutigung in der Schule. In: Ortwin Nimczik, Jürgen Terhag...

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