1. – 6. Schuljahr

André F. Zimpel

Vom Wert des Schätzens

Wie Selbsteinschätzung den Lernerfolg beeinflusst

Sympathiewerte vergibt das menschliche Gehirn innerhalb von Millisekunden. Das passiert außerhalb der bewussten Kontrolle. Wertschätzung erfordert dagegen ein reflektiertes Wertesystem. Woran messen wir jedoch unsere Einschätzung, welche Bezugsgrößen führen zum jeweiligen Urteil? Wie kann eine wertschätzende Wahrnehmung von außen zu besserer Selbsteinschätzung führen? Im Beitrag wird diesen Fragen nachgegangen.

Welchen Wert schätzen wir eigentlich an einem Kind, wenn wir von „Wertschätzung sprechen? Doch wohl hoffentlich nicht einen Waren- oder Gebrauchswert. Das verstößt gegen Kants praktischen Imperativ, Personen niemals nur als Mittel, sondern immer zugleich auch als Zweck an sich selbst zu behandeln. Bedeutet „Wertschätzung vielleicht: „Es gibt Kinder, die mehr wert sind als andere? Zensuren legen das nahe. Was meint ein Kind, wenn es sagt: „Ich habe eine Eins und du? Was ist mit Kindern, die andere verletzen? Ist man erst etwas wert, wenn man andere wertschätzt? Oder brauchen Personen, die andere nicht wertschätzen können, einfach nur mehr Wertschätzung? Kann ich andere Menschen nur wertschätzen, wenn ich selbst Wertschätzung erfahren habe?
Vom Eigenwert der Schätzenden
Der Philosoph Friedrich Nietzsche (18441900) wies auf die irrige Vorstellung hin, es gäbe da draußen eine Welt voller Werte, die nur darauf warten, von uns geschätzt zu werden. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: „Schätzen ist Schaffen []. Durch das Schätzen erst gibt es Wert (Nietzsche 1999, 482). Wie ich etwas einschätze, sagt zuerst einmal mehr über mich aus als über das von mir Eingeschätzte.
Noch deutlicher wird das, wenn ich andere Personen beurteile. Der Satz „Das ist eine kluge Entscheidung!, sagt mehr darüber aus, was ich für richtig halte, als darüber, was richtig ist. Beispiel: „Das hat die Klasse 2b schon ganz gut hinbekommen!, sagt eigentlich: „Mir gefällt, was die Kinder da getan haben. Ist das deshalb schon an sich gut? Und wenn ja, für wen? Für die Kinder oder für mich? Für welche Kinder und für welche nicht?
Vergleichbarkeit: Wer ist wertvoller?
Ich habe lange gebraucht, bis ich genau verstanden habe, was Lehrer(innen) meinen, wenn sie von „Wertschätzung reden. Herausgefunden habe ich, dass sie damit meistens so etwas meinen, wie: „Wir achten unsere Schüler(innen) als Personen!, „Wir bemühen uns ihnen gegenüber um eine uneingeschränkte Akzeptanz. usw.
Die Erziehungswissenschaftlerin Claudia Osburg bringt das im Zusammenhang mit Inklusion wie folgt auf den Punkt: „Noch immer wird im Rahmen von Inklusion an Unterrichtsstrukturen festgehalten, die ‚Vergleichbarkeit gewährleisten sollen auch wenn diese die Wertschätzung durch die Lehrkraft und die Entfaltung des Lernpotenzials der Schüler(innen) erschweren. Dabei gibt es längst Beispiele aus der Praxis, wie durch eine wertschätzende Haltung der Lehrkraft die Selbstständigkeit der Kinder gefördert werden kann. (Osburg 2014, 4)
Wertschätzung beruht auf Einbildungskraft und Perspektivwechsel
Die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt (19061975) fragt: „Wie zum Beispiel ist man fähig, eine Tat als mutig [] einzuschätzen? Weil fantasiebegabte Menschen sich ihrer Einbildungskraft bedienen, so ihre Antwort: „Wenn man urteilt, sagt man spontan ohne irgendwelche Ableitungen aus allgemeinen Regeln: Dieser Mann hat Mut. Wenn man ein Grieche wäre, hätte man in ‚den Tiefen seines Gemüts das Beispiel des Achilles. Wiederum ist Einbildungskraft nötig: Man muss Achilles gegenwärtig haben, obwohl er zweifellos abwesend ist. Wenn wir von jemandem sagen, dass er gut ist, haben wir in unserem Gedächtnis das Beispiel des Hl. Franziskus oder des Jesus von Nazareth. Das Urteil hat exemplarische Gültigkeit in dem Maße, in dem das Beispiel richtig gewählt wird (Arendt 1998, 111). Dies trifft auf folgendes Beispiel (Zimpel 2009, 33f.) vermutlich zu:
„In der...

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