1. – 6. Schuljahr

Anke Reichardt

Rechtschreibkompetenz durch Textschreiben

Indem im Schreibunterricht sowohl rechtschreibsichere als auch -unsichere Wörter in den eigenen, individuell bedeutsamen Texten gesucht und besprochen werden, können Schüler(innen) notwendiges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und zugleich Fehlersensibilität entwickeln.

Fragt man danach, was eigentlich Rechtschreibkompetenz ausmacht, so herrscht weitgehend Konsens darüber, dass orthografische Sicherheit beim selbstständigen Verfassen von Texten das Entscheidende ist. Die eigentliche Tücke dieser weitgehend geteilten Auffassung besteht darin, was unter orthografischer Sicherheit verstanden werden soll. Intuitiv wird orthografische Sicherheit begriffen als Fähigkeit, jedes Wort zu jeder Zeit und an jedem Ort kontextfrei korrekt schreiben zu können. Eine funktionale und vor allem didaktisch brauchbare Auffassung bestünde demgegenüber in dem Anspruch, eine orthografische Sensibilität für mögliche Fehler und für unfallträchtige Stellen in Wörtern zu erreichen. Diese orthografische Sensibilität kann in hohem Maße beim Textschreiben entstehen und bei der bewussten Auseinandersetzung mit dem Schriftwortschatz, der in Texten gebraucht wird.
Im Beitrag soll deshalb anhand eines Unterrichtsversuchs gezeigt werden, wie das Textschreiben genutzt werden kann, um zugleich auch Rechtschreibkompetenz zu erwerben. Indem die Schüler(innen) in ihren eigenen Texten jeweils Wörter auswählen, bei denen sie rechtschreibsicher bzw. -unsicher sind, und in Kleingruppen über die fraglichen Rechtschreibphänomene sprechen, kann einerseits Fehlersensibilität angebahnt und andererseits das ebenso notwendige Vertrauen in die bereits erworbene eigene Kompetenz gestärkt werden.
Was wissen wir über die Rechtschreibkompetenz unserer Grundschüler(innen)?
Ohne hier darauf einzugehen, ob sich die Rechtschreibleistungen in den letzten Jahrzehnten verschlechtert haben oder nicht, ist es aufschlussreich zu erfahren, wie unsere Schüler(innen) schreiben. Um das Können oder die Schwierigkeiten mit der deutschen Orthografie einzuschätzen, sind qualitative Analysen auf der Grundlage der Wortschreibungen der Kinder notwendig.
Im Rahmen der IGLU-E-Studie 2001 wurden die Rechtschreibfähigkeiten von Grundschüler(inne)n genauer untersucht, mit dem Ergebnis, dass sich in der Gruppe der rechtschreibschwachen Schüler(innen) Falschschreibungen finden, die bei leistungsstarken Schüler(inne)n nicht auftauchen, z.B. *Matratßen. Die Fehler sind zudem in einem breiten Feld verteilt, z.B. 107 Schreibvarianten des Wortes „Matratzen. Auffällig ist insbesondere, dass Schüler(innen) am Ende der 2. Klasse bei diesem Wort für die Schreibung des „tz mit vier Varianten weniger Schreibversionen aufweisen als die Schüler(innen) der 4. Jahrgangsstufe mit zwölf Varianten (Löffler/Meyer-Schepers/Lischeid 2007, 272f.).
Nicht nur Neues lernen, auch das Können sichern
Das ist ein erstaunlicher Befund! Die Autor(inn)en der Studie schließen daraus, dass die Konfusion dieser Schüler(innen) umso größer wird, je mehr sie im Verlauf der ersten vier Grundschuljahre über rechtschreibliche Phänomene erfahren. Dabei zeigen die Rückstände rechtschreibschwacher Kinder kein Verharren auf den elementaren Stufen der Schriftkompetenz. De facto sind auch Regelkenntnisse aus höheren Kompetenzstufen vorhanden, welche jedoch nicht sinnvoll angewendet werden können. Kinder benötigen neben einer klaren Systemantisierung des Lerngegenstandes offenbar auch ein dezidiertes Bestätigen, was sie im Bereich der Orthografie bereits können und sicher beherrschen. Es gilt, Strategien und Fähigkeiten zu stärken, die zu verlässlichen Richtigschreibungen führen.
Vor dem Hintergrund, dass Rechtschreibung keinen Eigenwert besitzt, sondern eine dienende Funktion erfüllt, indem sie die schriftsprachliche Verständigung erleichtert und die Erfassbarkeit von Texten optimiert (Abraham et al. 2009, 63), soll die Rolle des Textschreibens für...

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