1. – 6. Schuljahr

Irene Corvacho del Toro | Ruth Hoffmann-Erz

Liegt die „Rechtschreipkaterstrofe an der Lautorientierung?

Lautgetreues Schreiben wird in der aktuellen Debatte meist auf die Formel: „Schreib wie du sprichst! verkürzt. Zu befürchten ist, dass der Eindruck entsteht, freies Schreiben gehöre ganz aus dem Unterricht verbannt und Schüler(innen) könnten bzw. sollten von Anfang an orthografisch normgerecht schreiben. Im Beitrag wird erläutert, inwiefern sich lautgetreues Schreiben von der bloßen Übernahme gesprochener Sprache unterscheidet und welche didaktisch-methodischen Konsequenzen sich daraus für die Praxis ergeben.

Aktuell wird das lautgetreue Schreiben in der Grundschule angeprangert1 und als Ursache für die sinkende Rechtschreibleistung deutscher Schüler(innen) (Steinig et al. 2009) angeführt. Die Kritik manifestiert sich vor allem an dem ‚fehlerhaften Schreiben mit Hilfe von Anlauttabellen. Die hitzig geführte Debatte bleibt in der Regel oberflächlich und verunsichert Eltern und Lehrkräfte gleichermaßen.
Schriftspracherwerb vollzieht sich nach der aktuellen Orthografie-Erwerbsforschung im Wechselspiel zwischen eigenaktivem und instruktivem Lernen (Bredel et al. 2011: 72; Thomé 2006: 369) und es bedarf vielfältiger Aktivitäten und Übungen im Unterricht, damit Schüler(innen) normgerecht Schreiben lernen können. In der Regel werden unterschiedliche Schreibniveaus als ‚lautgetreu bezeichnet, die es zu unterscheiden gilt (Corvacho del Toro/Hoffmann-Erz 2014).
Alles lautgetreu?
Die folgenden Fehlschreibungen würden sicher von den meisten Lehrkräften alle als lautgetreu in dem Sinne bezeichnet werden, dass sich die Kinder beim Verschriften an ihrer eigenen Aussprache orientiert haben:
  • *<Pein> für <Bein>
  • *<esch> für <ich>
  • *<Winta> für <Winter>
  • *<Angl> für <Angel>
  • *<Tüa> für <Tür>
Die Fehlschreibung *<Pein> für <Bein> könnte auf eine unzureichende Lautunterscheidung zwischen /p/ und /b/ zurückzuführen sein. Laute, die sich allein durch die Stimmhaftigkeit unterscheiden, werden von Schreibanfänger(inne)n bekanntermaßen häufig verwechselt. Bei der Schreibung *<esch> für <ich> fließen wahrscheinlich dialektale Aussprachevarianten in die Schreibung ein. Die beiden Fehlschreibungen *<Pein> und *<esch> unterscheiden sich grundsätzlich von den übrigen: *<Winta>, *<Angl> und *<Tüa>, da *<Pein> und *<esch> nicht der Standardlautung entsprechen (Duden 6). Die Standardlautung (auch als Hochdeutsch oder Standardaussprache bezeichnet) ist überregional, einheitlich, deutlicher und stärker durch das Schriftbild bestimmt als die Umgangssprache (Duden 6, Vorwort).
Die Schreibungen *<Winta>, *<Angl> und *<Tüa> bilden durchaus die Standardaussprache ab ([vɪntɐ] [aŋl] [ti:ɐ]). Sie berücksichtigen dabei Phänomene der Aussprache, welche die Schrift in besonderer Form abbildet. Welche diese sind, wird nun erläutert, denn dieses Verständnis ist für ein didaktisch fundiertes Handeln notwendig (vgl. Corvacho del Toro 2013).
Aussprache versus Wortstrukturen
Tilgung des Schwa /ə/
In der Regel wird am Wortende vor den Konsonanten /n/, /l/ und /m/ in Wörtern wie <Faden>, <Gabel> und <blassem> der sogenannte Schwa-Laut /ə/ getilgt. So gibt die Fehlschreibung *<Fadn> eine korrekte Wiedergabe der Standardaussprache wieder. Auf der Schriftebene entspricht das Wort <Faden> aber einer zweisilbigen Wortform, wobei die zweite Silbe als sogenannte Reduktionssilbe den Schwa-Laut enthält.
Die regelhafte Wiedergabe der Wortendungen <en>, <em> und <el> sollte früh im Anfangsunterricht erlernt werden und muss auf der Schriftebene erläutert werden. Eine Sammlung von Wörtern mit der jeweiligen Wortstruktur demonstriert den Kindern die Korrespondenz zwischen Lautung und Schrift. Die Endung <-el> etwa kann durch die Wortsammlung: <Nudel, Gabel, Tafel, Nadel, Muschel, Schnabel> verdeutlicht werden. Die Endung <-en> findet sich bei Verbformen besonders häufig: <sagen>, <singen>, <schlafen>, <schreiben>. Neben expliziten...

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