1. – 6. Schuljahr

Swantje Weinhold

Die Rechtschreibung hat dienende Funktion

„Mir, der ich selten selbst geschrieben, was ich zum Druck beförderte und, weil ich diktierte, mich dazu verschiedener Hände bedienen mußte, war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an, sondern darauf, daß die Leser verstehen, was man damit sagen wollte. (Johann Wolfgang v. Goethe)

Es gibt keinen anderen Lernbereich in der Grundschule als das Rechtschreiben, der immer wieder von allen Akteuren so viel weniger pragmatisch und entspannt diskutiert und behandelt wird, wie von Johann Wolfgang v. Goethe vorgeschlagen. Alle sind sich darüber einig, dass sich Schüler(innen) im Laufe ihrer (Grund-)Schulzeit zu kompetenten Rechtschreibern entwickeln sollen. Wie es aber um die Rechtschreibkompetenzen in Deutschland lebender Lerner(innen) steht und wie sie sich didaktisch und methodisch am besten entwickeln ließen, darüber erhitzen sich die Gemüter von Medien wiederkehrend angeregt und dramatisiert: Da ist von „Niedergang die Rede und von „Katastrophen (Der SPIEGEL) was nicht nur angesichts der vielen wirklichen Katastrophen, die derzeit die Welt erschüttern, sondern auch sachlich höchst fraglich ist .
Rechtschreiben ja aber ab wann und wie?
Die einen sind für Rechtschreibunterricht von Anfang an, die anderen sagen, er sollte erst deutlich später einsetzen, um den Kindern nicht die Lust am Textschreiben zu verderben. Mehr Lernerorientierung fordern die einen; mehr Sachorientierung die anderen. Entdeckendes, forschendes Lernen wird systematischen Lehrgängen gegenübergestellt. Sukzessive Lernschritte werden gemäß einer angenommenen Entwicklungsfolge gegenüber offenen Konzepten postuliert; die Beherrschung der Orthographie wird als Ausdruck von effektivem Unterricht, von Textkompetenz oder auch gleich von Bildung bzw. Intelligenz gesehen. Nichtbeherrschung wird dem entsprechend mit mangelnder Ausbildungsfähigkeit, einer besondere Schwäche oder gar einer Krankheit mit jeweils unterschiedlichen LRS-Erlassen in den einzelnen Bundesländern gleichgesetzt.
Unabhängig davon, dass sich bei genauerer Betrachtung viele solcher Oppositionen als haltlos bzw. gar nicht als gegensätzlich erweisen wie etwa forschendes Lernen und systematischer Unterricht hat diese Art der Besprechung weitreichende und gravierende Konsequenzen auf verschiedenen Ebenen:
  • Lehrer(innen) befinden sich ständig in der Kritik, obwohl sie sich überwiegend sehr bemühen im Zeitalter von Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten einen effektiven Rechtschreibunterricht zu machen.
  • Sie werden permanent auch durch unterschiedliche Fortbildungen verunsichert, was denn nun ein guter oder der richtige Weg ist.
  • Die Flut an Lehrwerken und Lernmaterialien steigt weiter an und führt nur selten dazu, dass etwas substanziell Neues auf den Markt kommt.
  • Ganze Studiengänge in der Lehrerbildung geraten ins Visier und das nicht nur mit der sinnvollen Frage, was besser gemacht werden kann, um zukünftige Lehrer(innen) mit reichlich Professionswissen „auszustatten. Es wird auch die fatale Frage gestellt, ob für die Professionalisierung von Deutschlehrkräften für die Primarstufe angesichts der schlechter werdenden Rechtschreibleistungen der deutschen Schülerschaft überhaupt ein universitäres Studium erforderlich sei.
  • Und: Es gerät in der Öffentlichkeit und im Unterricht aus dem Blick, welche Funktion die Rechtschreibung bzw. genauer genommen das Schriftsystem einer Sprache wie der deutschen für sich genommen eigentlich nur hat, nämlich ganz im Sinne von Goethe: dienende.
Die Schrift ist ein Leserservice
Die regelhafte Schrift hilft uns als Lesern, Texten schnell und sicher Sinn entnehmen zu können und sie dient uns als Schreibern dazu, möglichst automatisiert eben so zu schreiben, wie wir gelesen werden wollen, also so, dass eine sichere Sinnentnahme schnell möglich...

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