1. – 4. Schuljahr

Miriam Morek | Beate Leßmann

„Wie wirkt der Text auf euch?

Gesprächs- und Schreibkompetenzen in Autorenrunden entwickeln

Während Erzählkreise in vielen Grundschulklassen zum Alltag gehören, ist das Format der „Autorenrunden weniger verbreitet. Dabei haben diese ein doppeltes Lernpotenzial: Beim gemeinsamen Reflektieren über selbst verfasste, freie Texte erweitern Kinder nicht nur ihr Textwissen sie entwickeln auch Kompetenzen im Bereich Sprechen und Zuhören, indem sie miteinander über Texte, deren Wirkung und sprachliche Machart sprechen.

Autorenrunden gehen Hand in Hand mit wöchentlichen Schreibzeiten (Leßmann 2016). Sie bilden ähnlich wie Schreibkonferenzen ein Forum, in dem jeweils einzelne Kinder ihre selbst verfassten Texte vorlesen, die dann Gegenstand eines gemeinsamen Gesprächs werden. In der Kommunikation über den vorgestellten Text erfahren die Autorinnen und Autoren, welche Wirkung ihre Texte auf andere haben, ob ihr Text verstanden wird oder an welchen Stellen eventuell nicht , und welche Merkmale und Passagen besondere Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf sich ziehen.
Die Kinder sitzen im Kreis und treten in ein gemeinsames Nachdenken über die in der Klasse verfassten Texte ein (Abb. 1 ). Anders als bei Schreibkonferenzen liegt der Fokus dabei nicht allein auf der Frage nach der Optimierung von Texten. Vielmehr stehen das Reflektieren über Gelungenes, Besonderes, Un- oder Missverständliches, über die Typik von Textmerkmalen sowie Vergleiche zu anderen Texten und Textsorten im eigentlichen Zentrum des gemeinsamen Sprechens über die Texte der Kinder. Das Autorenkind erhält so unmittelbare Rückmeldungen auf die Wirkung seines Textes und muss zugleich Verantwortung für den eigenen Text übernehmen, indem er oder sie z.B. die Textintention, Schreibentscheidungen oder unklare Stellen erklärt. Die übrigen Kinder erleben, dass Verstehen und Wirken von Texten einerseits durch Aufbau und sprachliche Merkmale von Texten „gesteuert wird, sich andererseits aber auch in Abhängigkeit z.B. von Vorwissen und Präferenzen verschiedener Rezipienten durchaus unterschiedlich gestaltet.
Autorenrunden als literale Praktik
In Autorenrunden wird das Verfassen und Lesen von Texten für die Kinder als eine kommunikative Tätigkeit erfahrbar, die weit über das stille Tun hinausgeht: Schreiben und Rezipieren werden in eine soziale Praxiseingebettet. Sowohl das Schreiben von eigenen Texten als auch das Sprechen über deren Qualitäten in Autorenrunden werden daher als literale Praktiken betrachtet, die von der Subjektivität der Einzelnen und der Sozialität der Gruppe leben und beide zugleich auch prägen (vgl. Beitrag Leßmann S. 6 – 11).
Ritualisiert eingesetzte Leitfragen initiieren und strukturieren in Autorenrunden das Nachdenken und Sprechen über Inhalte, Wirkungen und sprachliche Gestaltungen der vorgetragenen Texte.
Die gemeinsame „Re-Vision im Sinne des gemeinsamen „Neu-Sehens eines Textes (Leßmann2020, 207ff.), das sich aus der Zusammenschau von Schreiber- und Adressatenperspektive ergibt, beginnt damit, dass die Rezipierenden in der ersten Phase des Gesprächs formulieren, wie der Text auf sie wirkt. Anschließend ergründen sie gemeinsam, welche sprachlich-textuellen Eigenschaften zur Entfaltung der erfahrenen Wirkung führen. Diese werden als „Schreibgeheimnisse (Spitta 2015, S. 64, Leßmann 2016, S. 38) thematisiert. Es folgt ein Austausch darüber, welche Art von Text (Textsorte) vorliegen mag und zu welchem Textmuster (etwa erzählend, informierend, appellierend) man den Text zählen kann. Am Ende einer Autorenrunde geben die Rezipierenden der Autorin oder dem Autor Hinweise für die Optimierung des Textes in einer möglicherweise folgenden Schreibkonferenz in Kleingruppen. Manchmal suchen sie auch gemeinsam nach alternativen Formulierungen.
Text- und Schreibwissen zum Ausdruck bringen
Die Gespräche in Autorenrunden folgen also bestimmten Routinen, z.B. einem vorgegebenen Ablauf (Abb.2...

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