1. – 4. Schuljahr

Lis Schüler | Mechthild Dehn | Daniela Merklinger

Mehr Sprachen,um mehr zu verstehen

Beobachtung von Helena Fernys-Adamietz

Im Rahmen des Praxissemesters besuche ich eine erste Klasse. Anhand von Zahlenmauern werden Addition und Subtraktion im Zahlenraum bis 20 wiederholt und geübt. Nach einer Einführung arbeiten die Kinder selbstständig an differenzierten Arbeitsblättern und füllen die dargestellten Zahlenmauern. Mir fällt ein Mädchen auf, das sichtlich Schwierigkeiten mit den Aufgaben hat und auf ihrem Stuhl zunehmend in sich zusammensinkt. Immer wieder schaut sie auf ihr Blatt, schreibt aber nichts auf. Sie meldet sich aber auch nicht, um z.B. um Hilfe zu bitten. Ihre Nachbarin arbeitet zügig und konzentriert. Zwar flüstern die beiden immer wieder kurz miteinander, aber ein längeres Gespräch gibt es nicht. Nach einigen Minuten kommt die Sitznachbarin zu mir. Sie zeigt mir ihr fertiges Arbeitsblatt und fragt, ob alles richtig sei. Ich kann ihre Frage bejahen. Da keine weiteren Arbeitsblätter für die noch andauernde Arbeitsphase vorgesehen sind, geht sie auf ihren Platz zurück. Ihre Nachbarin hat noch immer keine einzige Aufgabe zu Papier gebracht.
Die Mädchen beginnen zu flüstern. Ich bemerke, dass sie nicht auf Deutsch miteinander sprechen. Mimik und Gestik deuten darauf hin, dass es um die Aufgaben geht. Es scheint, als würde das eine Mädchen dem anderen die Aufgaben erklären. Auch ein zustimmendes Nicken und Nachfragen oder Erwiderungen sind für mich erkennbar, wenn auch nicht sprachlich verständlich. Nach kurzer Zeit beginnt das Mädchen, etwas auf ihrem Arbeitsblatt zu notieren und arbeitet von da an konzentriert an ihren Aufgaben.
Am Ende der Stunde frage ich die beiden Mädchen, was sie gemacht haben. Die Sitznachbarin berichtet, dass ihre Freundin nicht so gut Deutsch verstehe und in der Schule nicht so gut sei. Außerdem sei sie längere Zeit krank gewesen. Sie habe ihr die Aufgaben also auf Türkisch erklärt. Das habe sie dann verstanden. Ich sage, dass ich das toll fände, wenn sie sich so gegenseitig helfen könnten. Beide strahlen kurz. Dann erfahre ich von ihnen, dass sie eigentlich im Unterricht nicht Türkisch sprechen sollen, nur Deutsch.
Helena Fernys-Adamietz ist pädagogische Mitarbeiterinan der Universität Kassel
Kommentar
Immer wieder berichten Studierende (an der Universität Kassel) von Schulen, an denen der Gebrauch anderer Sprachen als Deutsch verboten ist. Als Grund dafür wird z.B. die Eskalation von Streit auf dem Schulhof in einer Sprache, die die Lehrerinnen und Lehrer und die meisten anderen Kinder nicht verstehen, genannt. Auch wenn es nicht verwundert, dass ein Streit, der meist einhergeht mit starken Emotionen, in der Sprache, die einem Menschen am nächsten ist, ausgetragen wird, ist verständlich, dass sofern ein Eingreifen neutraler oder pädagogisch ausgebildeter Personen nötig ist eine Klärung in einer Sprache erfolgen muss, die alle sprechen. Das wäre allerdings auch ohne ein Verbot anderer Sprachen als Deutsch möglich. Ein anderer Grund für ein Verbot könnte die (gutgemeinte) Absicht sein, Deutsch als Zielsprache zu fördern, indem es möglichst oft ausschließlich gehört und benutzt wird. Dagegen sprechen allerdings Erkenntnisse, die belegen, dass ein mehrsprachiger Spracherwerb die kognitive und sprachliche Entwicklung positiv beeinflussen kann und mehrsprachige Kinder besondere Potenziale für sprachliches Lernen mitbringen wie z.B. die Möglichkeit des positiven Transfers zwischen den Sprachen (vgl. Fürstenau 2016).
Die Szene zeigt, dass mit einem Verbot anderer Sprachen einhergehen kann, dass ein Kind keinen Zugang zu fachlichen Inhalten findet. Deutlich wird, wie lernwirksam die Sprache des Kindes im Unterricht werden kann. Relevant erscheinen uns folgende Fragen:
  • Wie kann Unterricht dazu beitragen, dass Erklärungen in den Sprachen der Kinder sinnvoll sind und produktiv genutzt werden können?
  • Welche Bedeutung hat ein Gebrauch ihrer Sprachen im...

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