1. – 4. Schuljahr

Beate Leßmann

Literale Praktiken in der Schule

Schulisches Sprachhandeln als soziales und kulturelles Agieren

Als literale Praktiken in der Schule werden Routinen betrachtet, in denen der Erwerb von sprachlichen Kompetenzen im Schreiben, Lesen oder Sprechen und Zuhören in das soziale und kulturelle Leben der Klasse oder Schule eingebunden ist. Indem fachliches, soziales und kulturelles Lernen miteinander verschmilzt, können die Lernenden selbst ihr Agieren als bedeutungsvoll erfahren und eine literale Identität entwickeln.

Was ist genau mit „literalen Praktiken in der Schule gemeint? Und welchen Gewinn verspricht die Auseinandersetzung damit? Um darin einen Nutzen für die Gestaltung und die Reflexion des eigenen Unterrichts zu sehen, ist eine knappe begriffliche Erläuterung notwendig.
Praktiken
Betrachtet man Praktiken in einem sozialwissenschaftlichen Verständnis (nach Reckwitz 2003), lassen sich diese ganz allgemein als routinisierte Handlungen des Alltags bezeichnen. Beispiele sind etwa unterschiedliche Arten des Begrüßens, des Kochens oder auch des Wickelns eines Babys.
Soziale Praktiken sind kulturell gebunden und werden durch Handlungsroutinen einer Gemeinschaft gleichsam „implizit weitergegeben. Sie sind sozusagen den Körpern eingeschrieben, die diese Praktiken ausführen (Hände, die sich begrüßen). Oft sind sie an bestimmte Artefakte gebunden, also an Gegenstände, die für eine Praktik wesentlich sind (etwa der Kochlöffel oder das Wickeltuch). Beides, Körperlichkeit und Artefakte, bezeichnet Reckwitz als „Materialität von Praktiken.
Zwar werden Praktiken durch Routinen charakterisiert, ihr Vollzug aber wird durch eine „Spannung von Routinisiertheit und [] Unberechenbarkeit (ebd., S. 282) gekennzeichnet, denn in jedem Moment ist mit Überraschungen oder einem Ausbruch aus der Routine zu rechnen.
Praktiken in der Schule
Überträgt man ein solches soziokulturell begründetes Verständnis von Praktiken auf die Institution Schule, so ließen sich zahlreiche Routinen des Unterrichts- und Schulalltags als Praktiken ausmachen – z.B. der Morgenkreis, das Notieren der Hausaufgaben oder das Bearbeiten eines Arbeitsblatts, aber auch wiederkehrende Feste und Feiern. Für jedes der genannten Beispiele ließe sich wiederum ein ganzes Bündel von dazugehörigen Praktiken nennen.
Im Fall des Morgenkreises etwa könnten die Art und Weise des Bildens des Stuhlkreises, des Sitzens auf den Stühlen, der Organisation des Gesprächs im Kreis bis hin zu Gestik, Mimik und Stimmführung von Lehrkraft und Lernenden als Praktiken betrachtet werden. Dadurch ereignen sich implizit Prozesse der Weitergabe von Wissen und Können. Ihr Vollzug ist wohl durch Routinen gekennzeichnet, wird durch diese aber nicht statisch oder unveränderbar.
Literale Praktiken
In dieser Ausgabe geht es speziell um literale Praktiken. Der Ausdruck „literal wird unter Aufnahme der neueren Literalitätsforschung verwendet.
Danach wird mündliches und schriftliches Sprachhandeln nur dann als literal bezeichnet, wenn es sich in einem sozialen und kulturellen Rahmen vollzieht. Brian Street (1984), Vertreter der neueren Literalitätsforschung, bezeichnet deshalbLiteralität schlechthin „als soziale Praxis.
Wenn hier nun von literalen Praktiken gesprochen wird und zwar in schulischen Kontexten (s. Abb. 2 ) –, dann werden diese nach Street nur dann als literal bezeichnet, wenn sie in eine soziale oder kulturelle Praxis eingebunden sind und ihre soziale Wirksamkeit wichtigster Bezugspunkt des sprachlichen Handelns ist. So macht es einen Unterschied, ob selbst verfasste Texte im sozialen Raum der Klasse rezipiert und reflektiert werden oder ob sie in einem Schulheft oder Ordner möglicherweise sogar ungesehen verschwinden.
Die soziale und kulturelle Rahmung ist zugleich der Gewinn und die Herausforderung des Konzepts der literalen Praktiken für die Schule. Diesen Fragen widmet sich insbesondere der aktuelle deutschdidaktische Diskurs (vgl....

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen