1. – 4. Schuljahr

Iris Kruse

Gedankenhöhlen

Beteiligungschancen an literarischen Gesprächen stiften

Sich an einem literarischen Gespräch beteiligen zu können, stellt für viele Kinder eine große Herausforderung dar. Wie lässt sich Wahrgenommenes, Empfundenes und Gedachtes in Worte fassen? Woher kommt der Mut, Eigenes und Persönliches anderen mitzuteilen? Das Verfahren der Gedankenhöhle kann Kinder auf den dialogischen Austausch über literarische Erfahrungen vorbereiten.

Wenn im Anschluss an das Präsentieren von Kinderliteratur ein literarisches Gespräch in der Lerngruppe geführt wird, sind die Redebeiträge oft sehr ungleich verteilt. Was als Austausch aller über ästhetisch-literarische Erfahrungen gedacht ist, wird nur allzu oft zu einer Aussprache einiger weniger, unter deren Stimmen sich nur dann und wann einmal eine seltener gehörte mischt. Zwar ist die Nichtbeteiligung am Gespräch über Literatur nicht zwangsläufig als Ausdruck für gedankliches Unbeteiligtsein zu werten. Dennoch sollte das Schweigen einzelner Kinder nicht als unvermeidbare Selbstverständlichkeit hingenommen werden.
Wenn ein Kind wiederholt still bleibt, während andere sich über Spannendes, Widersprüchliches, An- und Aufregendes aus einem Buch, Film oder Hörspiel unterhalten, dann ist das mehr als eine zwangsläufige Begleiterscheinung der Gruppengesprächssituation. Es besteht Handlungsbedarf im Hinblick auf die Entfaltung der Teilhabemöglichkeiten dieses Kindes an der literalen Praktik des Sprechens über Literatur.
Der Austausch über Literatur als kulturelle und soziale Praxis
„Teilhabe an literarischer Kultur schließt ein, sich mit anderen über Texterfahrungen angemessen austauschen zu können (Spinner 2006, S. 12). Was der Literaturdidaktiker Kaspar H. Spinner hier als bedeutenden Aspekt literarischen Lernens fasst, ist von weitgreifender pädagogischer und didaktischer Relevanz für literale Praktiken in der Schule. Der angezielte gesprächsförmige Austausch über Texterfahrungen nämlich ist hoch voraussetzungsreich.
Über den verstehenden Zugang zum Gelesenen, Gehörten oder Gesehenen hinaus bedarf es der sprachlichen Strukturierung eigener Gedanken und schließlich des Mutes, diese vor der Gruppe auszusprechen. Das Sprechen über Literatur stellt mithin ein wichtiges Übungsfeld dar für umfassende sprachliche Handlungsfähigkeit. Sich hier ausdrücken und einbringen zu können, fordert und fördert rezeptives und produktives sprachliches Können gleichermaßen Grund genug, den Praktiken des gesprächsförmigen Austauschs über Literatur im Unterricht vertiefte Aufmerksamkeit zu schenken.
„Warum sagst du denn nichts?
Dass Kinder schweigsam bleiben, wenn in der Lerngruppe ein literarisches Gespräch geführt wird, kann viele Gründe haben. Die Beteiligungschancen eines Kindes können eingeschränkt sein,
  • weil das Register der Familiensprache sich stark unterscheidet von der Bildungssprache, die in schulischen Gesprächen verlangt wird;
  • weil das Kind bisher wenig oder gar keine Erfahrungen mit Literatur hat machen können, sodass die geformte Literatursprache für das Kind fremd ist;
  • weil sich das Kind aufgrund sozialer Marginalisierung innerhalb der Lerngruppe nicht gut aufgehoben fühlt und nicht gern zu und mit anderen spricht.
Vor allem wenn die hier aufgezählten Benachteiligungsfaktoren gebündelt auftreten, wird die Lehrperson mit wohlmeinender Nachfrage („Warum sagst du denn nichts?) und verbaler Ermutigung („Du kannst dich ruhig trauen, etwas zu sagen!) kaum weiterkommen. Das literale Agieren im sozialen Raum der Gruppe bedarf ausdifferenzierter Unterstützung.
Zurückgezogen zur Sprache kommen in der Gedankenhöhle
Eine Möglichkeit, stille Kinder zur Beteiligung an literarischen Gesprächen zu ermutigen und zu befähigen, ist das gut zu ritualisierende Einzelförderverfahren der „Gedankenhöhle (vgl. Kruse 2014 und 2020). Indem sie die Gelegenheit bekommen, zeitlich vor dem Gespräch mit den anderen etwa 5 bis 15 Minuten lang eine Art...

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