1. – 4. Schuljahr

Anke Reichardt im Gespräch mit Norbert Kruse

Praktiken bedenken und sichtbar machen

Anke Reichardt: In diesem Heft geht es um „Literale Praktiken im Unterricht. Was ist damit gemeint und wie hängt das zusammen mit den bisherigen Forschungsarbeiten zum Rechtschreiberwerb (Kruse 2006), zu Unkonventionellem in Kindertexten(Kruse et al. 2014), zu besonderen und auffälligen Kindertexten,die im schulischen Schreibunterricht entstanden sind?
Norbert Kruse: In all meinen Forschungsarbeiten geht es im Grunde darum, das Verhältnis von Norm und subjektiven Lernprozessen auszuloten. Literale Praktiken sind die schrift- und sprachorientierten Aktivitäten und Abläufe, die eine Schulklasse mit ihrer Lehrkraft beim Schrifterwerb zusammenhalten. Sie sind in der Schule von Beginn an imprägniert von den Routinen des Umgangs mit Schrift. Der Unterricht selbst bildet solche Routinen des schulischen Schreibens und Lesens aus. Das ist die schulische Seite, die mich immer schon interessiert hat, weil dabei Unerwartetes geschieht und Unkonventionelles entstehen kann, das gern ausgeblendet wird, weil es den Gang des Unterrichts stört. In Relation dazu steht das Kind, das Anforderungen des Unterrichts zu erfüllen hat. Das ist die Norm. Und natürlich unterliege auch ich als Lehrkraft Normen und Erwartungen an die Lehre.
In Praktiken gehen Erfahrungen, Vorstellungen und Widerstände beim Lesen- und Schreibenlernen ein, die mich im Grunde schon immer genauer interessiert haben. Wer ein Wort liest, weil er lesen lernen soll, liest dasselbe Wort anders als derjenige, der erwartet, dass da etwas Schönes oder Wichtiges stehen könnte. Wer Buchstaben schreibt und das Aufschreiben als kalligrafische Gestaltungsaufgabe versteht, schreibt dieselben Buchstaben anders als ein Kind, das ein Wort schriftlich fixieren möchte, das ihm persönlich bedeutsam ist.
AR: Im Unterricht werden also einerseits literale Routinen ausgebildet und andererseits kommen die Kinder mit je individuellen Vorerfahrungen, die sich dann im Unterricht beobachten lassen. Das könnte auch kollidieren?
NK: Dazu vielleicht eine kurze Anekdote: Als junger Lehrer stellte ich den Kindern an deren zweitem Schultag die Aufgabe, sich einen Merkzettel zu machen, um an den Turnbeutel zu denken, der am nächsten Tag mitzubringen war. Ich hatte bunte Telefonzettel dabei, die sich die Kinder nehmen konnten. Auf der Anlauttabelle, die in Übergröße in meiner Klasse hing, konnten sie sich brauchbare Buchstaben heraussuchen, die sie zum Schreiben ihres Wortes benötigen könnten. Man konnte auch einen Turnbeutel malen. Aber die meisten Kinder wollten das Wort schreiben und unterhielten sich angeregt über die nötigen Buchstaben, hatten Stifte zum Schreiben in der Hand und notierten dann verschiedene Zeichen.
Einen Jungen hingegen beobachtete ich, der zusätzlich zum Stift ein wohl 50 cm langes Lineal aus dem Ranzen zog. Dieses Lineal legte er an und zog damit eine vertikale Linie, auf die er dann unter umständlichem Drehen des riesigen Lineals eine kurze horizontale Linie setzte. Fertig war sein T für den ersten Buchstaben des Turnbeutels. Man kann gleichsam sehen, wie das Lineal an seiner Vorstellung von Schule und Schreibunterricht mitarbeitet.
AR: Ich würde denken, dass auch dieser Junge mit dem Schreiben etwas persönlich Bedeutsames verbindet nur auf eine für uns unerwartete Weise: Schreiben ist für ihn etwas, für das das Lineal benötigt wird. Ich bin sicher, er hat an den Turnbeutel gedacht, und darauf kommt es doch an oder? Die Szene illustriert meines Erachtens, dass es nicht um die eine Schreibpraktik gehen kann, sondern dass wir das Wort im Plural gebrauchen müssen: Praktiken. Das bedeutet aber, mit dem, was die einzelnen Kinder mitbringen, in der Klasse produktiv umzugehen.
NK: Man kann sagen: Die Praxis des Schreibens in der Schule bündelt Praktiken von Kindern in einer ganz eigenen und eben auch manchmal überraschenden Weise. Das Aufschreiben benötigt lediglich...

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