1. – 4. Schuljahr

Michael Töpler

Gleichrangige Ziele: Recht auf Bildung und Gesundheitsschutz

Am „Kindertag, dem 1. Juni 2020, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Kinderkanal KiKA ein bemerkenswertes Interview gegeben. Dort bedankt er sich bei den Kindern für das Befolgen der Corona-Regeln und äußert Verständnis dafür, wie schwer es für viele Kinder ist, auf all die Kontakte und Möglichkeiten ihres normalen Lebens zu verzichten. Ebenso dankt er den Eltern für das gleichzeitige Erledigen von „Homeoffice und Sorgen für die Kinder.
Insgesamt bekommen Kinder und ihre Familien in den aktuellen politischen und ökonomischen Diskussionen aus meiner Sicht nicht genügend Gewicht. Ein wichtiger Schritt wäre es, zu verändern, wie medial über Kinder in Corona-Zeiten berichtet wird. Grob vereinfacht sind sie entweder eine Belastung für die Eltern, die in erster Linie arbeiten müssen, oder ein Ansteckungsrisiko für Erzieherinnen und Lehrkräfte, das vermieden werden muss. Diese Sicht wird hoffentlich von wenigen Menschen tatsächlich so vertreten, aber es kann der Eindruck entstehen, Kinder kämen in der Krise hauptsächlich als „Objekte vor.
Schülervertreter fordern mehr Mitbestimmung
In unserem politischen System war die systematische Berücksichtigung der Interessen und Rechte der Kinder bereits vor Corona kaum gewährleistet. Kinder und Jugendliche wurden zu Fragen der Art und Weise des Unterrichts, der Prüfungsformen oder der Möglichkeiten zu Sport und Bewegung zu wenig gehört. Dies setzt sich nun nahtlos fort. Gerade Schülerinnen und Schüler wurden häufig auf ihre Rolle als Lernende reduziert. Einen Beitrag zur aktiven Gestaltung ihrer Lebenswelt dürfen sie aber nicht in vollem Maße leisten. Deutlich wird die Forderung nach mehr Mitbestimmung von der Bundesschülerkonferenz geäußert: „Als direkt Betroffene der Maßnahmen bekommen wir die Auswirkungen im Schulalltag deutlich zu spüren. Evaluationen und Verbesserungen der Konzepte gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern durchzuführen und abzustimmen ist daher wichtiger denn je so Jan Zinal (2020), Innenkoordinator der Bundesschülerkonferenz.
Erste Studien geben zumindest Anhaltspunkte, wie die Stimmungslage bei Kindern und Jugendlichen aussieht: In der JuCo- Studie (Andresen et al. 2020) wurden junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren online befragt, es haben sich vor allem 15bis18-Jährige beteiligt. Das für mich wichtigste Ergebnis ist, dass 45% der Befragten nicht den Eindruck haben, mit ihren Anliegen von der Politik gehört zu werden. In der KiCo-Studie (Dies. 2020) wurden Eltern von Kindern unter 15 Jahren zur aktuellen Situation der Familien befragt. Auch bei den Eltern ist es eine große Zahl, die sich und ihre Familien zu wenig gesehen fühlt (60%), insbesondere mit der Doppelbelastung durch Erwerbsarbeit und Sorge für alle Belange der Kinder.
Entscheidung zwischen dem Recht auf Bildungund Gesundheitsschutz
Einerseits werden Kinder und Eltern von einer Rückkehr zum vollen Schul- und Kitabetrieb stark profitieren. Aber was ist mit den Gesundheitsrisiken für Kinder, Lehrpersonal sowie alle Beschäftigte im Bildungssystem? Aktuell wird die vollständige Wiedereröffnung der Schulen von Lehrerverbänden zum Teil massiv kritisiert. Einerseits kann ich die Sorgen vor unzureichenden Hygienekonzepten und unbedachtem Handeln verstehen. Andererseits besteht eine klare Verantwortung gegenüber den Kindern und auch eine Verpflichtung gegenüber dem Arbeitgeber. Bei verbeamteten Lehrpersonen sind die Regelungen eindeutig. Wenn die entsprechenden Schutzmaßnahmen gewährleistet sind, muss unterrichtet werden. Ebenso gibt es Sorgen aufseiten der Kinder und der Eltern, wie ein regulärer Schulbetrieb gelingen kann. Ich wünsche mir hier mehr Zusammenarbeit der Beteiligten, bei der die Belange aller berücksichtigt werden.
Wir sind während der ganzen Corona-Krise immer wieder mit der Abwägung von Rechten beschäftigt, die gleichermaßen verwirklicht werden müssen: Das...

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