1. – 4. Schuljahr

Norbert Kruse

Lernen, Freizeit, Leistung

Das Matthäus-Prinzip in der Grundschule

Die Soziologie greift für die Beschreibung des Sozialen gern auf einen Spruch aus dem Matthäus-Evangelium zurück: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. (Deutsche Bibelgesellschaft Lutherbibel, rev. 2017, Mt. 25, Vers 29).
Zur Markierung eines Trends, einer Entwicklung oder eines Effekts wird mit diesem Spruch gefasst, dass Vorteile und Privilegien sich dort verstärken, fortgesetzt und ausgebaut werden, wo sie schon gegeben sind. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz beobachtet diesen „Matthäus-Effekt in unserer Gesellschaft. Wenige Winner-take-all-Märkte entwickeln sich, auf denen Dinge, Menschen und Regionen, die schon über Strahlkraft verfügen, noch mehr Stärke bekommen. Und Dinge, Menschen, Regionen, die sowieso schon auf der Stelle treten, fallen immer weiter zurück.
In diesem Licht bekommt eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft über Lebenslagen und Kompetenzentwicklung von Grundschulkindern, 2019 erarbeitet von Wido Geis-Thöne und Ruth Maria Schüler, eine ganz eigene Färbung. Dazu die Pressemitteilung:
Wido Geis-Thöne/Ruth Maria Schüler 2019
„IW-Wissenschaftler haben nun in einer neuen Studie untersucht, welche Faktoren tatsächlich einen Einfluss auf die Leistungen von Viertklässlern in der Schule haben und welche nicht. Das Ergebnis: Kinder, die mehrmals in der Woche in ihrer Freizeit Sport treiben, regelmäßig zum Musikunterricht gehen und in ihrer Freizeit lesen, sind nicht nur besonders gut in Deutsch und in Mathe, sondern können sich auch besser konzentrieren als ihre Mitschüler.
Bei der Mediennutzung gilt: Wenn Kinder täglich höchstens zwei Stunden Fernsehen schauen oder am Computer spielen, hat das positive Auswirkungen auf die schulischen Leistungen. Wer deutlich mehr Zeit mit Medien verbringt vier Stunden oder mehr bekommt von den Lehrkräften deutlich schlechtere soziale Fähigkeiten bescheinigt als Schüler mit maßvollem Medienkonsum.
Ob ein Kind mit seinen beiden leiblichen Eltern, bei einem alleinerziehenden Elternteil oder in einer Patchworkfamilie aufwächst, hat dagegen kaum Auswirkungen auf die Leistungen in Deutsch und Mathematik sowie die Konzentrationsfähigkeit. Allerdings sehen wir einen deutlichen Zusammenhang zwischen den schulischen Leistungen und dem Bildungsstand der Eltern, sagt Studienautor Wido Geis-Thöne. „Das lässt sich nicht nur mit angeborenen Fähigkeiten erklären. Diese Kinder werden meist auch besser gefördert.
Im Lichte des Matthäus-Prinzips lässt sich festhalten: Da, wo zu Hause viel kulturelles Kapital versammelt ist, kommt noch mehr hinzu. Welche Kinder gehen zum Musikunterricht, welche nutzen die Medien bewusst und nicht länger als zwei Stunden am Tag, und welche Kinder treiben regelmäßig Sport? Zu diesen Fragen geben einige Studien Auskunft, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.
Das Matthäus-Prinzip und Musik
Welche Kinder spielen ein Instrument? Dazu ein Ausschnitt aus der Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2018, welche die musikalische Bildung vor dem Hintergrund des familiären Umfelds untersucht:
Dr. Ute Welscher/ Arne Christoph Halle 2018
„Ob ein Kind ein Musikinstrument spielt oder nicht, hängt signifikant mit dem Bildungsstatus der Eltern zusammen []. In der Gruppe mit dem niedrigeren Bildungsstatus ist der Anteil der Kinder, die ein Instrument spielen, mit 39 Prozent am geringsten. In der mittleren Gruppe liegt der Anteil bei 53 Prozent und in der Gruppe mit dem höchsten Bildungsstatus sind es 66 Prozent. []
Die Ergebnisse verstärken den Eindruck sozialer Selektivität für das Spielen eines Musikinstruments im Kindes- und Jugendalter: Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Haushalten sind unter denen, die ein Instrument spielen, mit 28 Prozent am geringsten vertreten. In der Gruppe mit mittlerem Einkommen sind es bereits 50...

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