1. – 1. Schuljahr

Angela Andersen

Lerngeschichte

Verstehen und verstanden werden

Am Einschulungstag ist er plötzlich da Farouk. Seine Familie flüchtete aus Syrien. Er wird vom Hausmeister während der Erstklassenaufführung neben mich auf die Bank geschoben, auch sein Vater ist da. Nach der Feier geht Farouk mit in den Klassenraum. Er versteht kein Wort Deutsch. In seinem schwarzen, dünnen Rucksack befinden sich ein Bleistift, ein Radiergummi und eine ganze grüne Gurke. Mehr hat er nicht dabei. Mit großen, braunen Augen verfolgt er das Geschehen. Die Mimik, die Gestik, die Augen das ist die gemeinsame Sprache, mit der wir versuchen, uns zu verständigen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel mit Händen und Füßen unterrichtet wie in diesem Schuljahr. Während mich am Anfang etliche Kinder irritiert angeschaut haben („Frau Andersen, warum sagst du alles zwei Mal?!), wenn ich versuchte, die Aufgaben gestenreich zu erklären, überlegen wir inzwischen gemeinsam, wie wir uns gegenseitig verstehen können („Er versteht dich nicht, du musst es ihm zeigen!).
Am ersten Schultag stehen alle Namen der Kinder an einer Stecktafel. Farouk kann seinen Namen weder erkennen noch schreiben. Als er beobachtet, dass sich jedes Kind „eine Karte (eigentlich die mit dem eigenen Namen) von der Stecktafel holen soll, steht er auf und holt sich auch irgendeine. Seine große Aufmerksamkeit und seine Beobachtungsgabe helfen ihm in den nächsten Wochen, denn immer will er alles so machen wie die anderen.
Als erstes lernt Farouk seinen Namen. Ich bringe ihm am zweiten Schultag eine Federtasche mit, darin sind Stifte und ein kleines gelbes Namensschild. Ich lese den Namen und deute auf ihn hin und her, immer wieder. Er nickt und fortan überträgt er auf alle Arbeitsblätter die Buchstaben von seinem Namen. Einzeln schreibt er sie nacheinander von seinem Schild ab. Als er wenige Wochen später die Buchstabenfolge auswendig gelernt hat, ist es das Größte für ihn, wenn er seinen Namen an die Tafel schreiben darf.
Die Namen sind aber auch für alle anderen Kinder wichtig. In den ersten Wochen arbeiten wir an einem Namenbuch. Darin sind alle Namen der Kinder aus der Klasse durch die Bilder der Anlauttabelle repräsentiert. Die Kinder schreiben die Buchstaben und können an einer Namenstafel mithilfe von Fotos herausfinden, wer es ist und eine Kopie des Fotos in ihr Buch kleben, nachdem sie bei dem Kind waren und gefragt haben, ob das sein Name sei. So lernen die Kinder die Buchstaben und sich untereinander kennen. Obgleich diese Arbeit auf der Ebene der Graphem-Phonem-Korrespondenz von Farouk kaum erfasst werden kann, arbeitet er begeistert mit und begibt sich in die Welt der Buchstaben. Indem er das gleiche bearbeitet wie alle anderen Kinder, ist er integriert und knüpft Kontakte.
In der zweiten Schulwoche zeichnet Farouk drei Menschen. Er kommt zu mir und zeigt mir das Blatt. Ich frage: „Wer ist das? Er versteht meine Frage nicht. Ich frage und zeige: „Ist das Farouk? Mein Finger geht immer hin und her zwischen dem Blatt und ihm, er nickt. Ich deute auf die zweite Person und frage, indem ich gleichzeitig fragend gucke und die Schultern hebe: „Und wer ist das? Er deutet auf mich. Ich bin überrascht und frage noch einmal: „Das ist Farouk und das ist Frau Andersen?, er nickt und strahlt mich an. Auf die Frage nach der dritten Person zögert er kurz und zeigt dann auf seinen Tischnachbarn, der ihm oft hilft. Das war unsere erste richtige Kommunikation.
Kurz vor Weihnachten führen wir ein Theaterstück auf: „Es klopft bei Wanja in der Nacht (nach dem Bilderbuch von Michels/Michl). Jedes Kind spricht dabei u.a. einen kleinen Vers aus dem Bilderbuch. „Der Wanja starrt den Bären an. ‚Was mach ich bloß? O Mann, o Mann. das ist Farouks Vers. Unterstützt durch das Bild im Bilderbuch, das einen Zugang zur Bedeutung ermöglicht, und intensive Gesten üben und üben wir, bis er ihn auswendig aufsagen kann. Ohne die einzelnen Worte zu verstehen, ist...

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