1. – 6. Schuljahr

Beate Wischer

Nicht nur Lernen begleiten, sondern individuell fördern!?

Zu den Herausforderungen einer bildungspolitischen Reformidee

Individuelle Förderung ist nicht mehr nur eine bildungspolitische Idee, sondern inzwischen auch eine gesetzte Norm, die es umzusetzen gilt. Bei der Umsetzung in die alltägliche Praxis entstehen jedoch schnell viele Fragen, die in der Norm eher ausgeblendet vor Ort durchdacht und konkret beantwortet werden müssen und zum Ausloten von Gestaltungsspielräumen auffordern.

Dass sich die Schüler(innen) einer Lerngruppe in vielerlei Hinsicht unterscheiden und dass diese Unterschiede berücksichtigt werden müssen, wenn Bildungs- und Erziehungsprozesse erfolgreich gestaltet werden sollen, ist keineswegs ein neuer Anspruch. Die Forderung ist eng mit der Geschichte der modernen Schule verknüpft und spätestens seit der Reformpädagogik, als einer vom Kind aus gedachten Pädagogik, ein zentraler Topos der Schulkritik und -programmatik. So ist z.B. schon im Strukturplan des Deutschen Bildungsrats (1970, 27) von einem auf „individuelle Förderung angelegten Bildungssystem die Rede. Und in der Allgemeinen Didaktik oder der Lehr-Lernforschung bemüht man sich ja bereits seit Jahrzehnten um Verfahren, Methoden und Konzepte für eine individualisierende bzw. adaptive Gestaltung unterrichtlicher Lernprozesse.
Individuelle Förderung von der Idee zur Norm
In den letzten Jahren stehen derartige Leitideen nun nicht nur erneut im Zentrum des öffentlichen Bildungsdiskurses. Auch die Bildungspolitik hat individuelle Förderung als ein zentrales Reformanliegen entdeckt: Man findet den Begriff in den meisten Bundesländern als Reformauftrag für die Einzelschule in Gesetzen und Erlassen verankert (vgl. z.B. Gasse, 2012); und neben diversen Initiativen, Programmen und Handreichungen zur Unterstützung der Schulen gibt es Kriterien für individuelle Förderung in den Referenzrahmen zur Schulqualität, nach denen Schulen evaluiert werden. Kurz: Aus einem pädagogischen Postulat ist eine verbindliche Norm der Schul- und Unterrichtsentwicklung geworden, mit der es sich auseinanderzusetzen gilt.
Obwohl oder gerade weil sich über die Notwendigkeit einer auf den individuellen Lerner abgestimmten Lernkultur schnell Einigkeit erzielen lässt, werfen die bildungspolitischen Reformideen einige kritische Rückfragen auf. Durchaus bemerkenswert ist so allein schon die Verwendung des Förderbegriffs, assoziiert man mit Fördern doch traditionell eher Formen einer auf spezifische Defizite oder Zielgruppen gerichteten, zusätzlichen Unterstützung (vgl. Wischer 2014). Zudem bleibt es selbst nach einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Verlautbarungen und Vorgaben (vgl. ausf. Wischer/Trautmann, 2014; Kunze, 2008) schwierig, präziser zu fassen, was genau gemeint ist und was im Einzelnen erreicht werden soll. Individuelle Förderung erscheint zugespitzt formuliert als eine Art Universalkonzept, mit dem sich zahlreiche Herausforderungen (vom Erreichen universeller Leistungsstandards über die Entfaltung individueller Potenziale bis hin zur Chancengerechtigkeit) auf vielfältige Weise lösen lassen. Dies wirft nicht nur die grundsätzliche Frage auf, ob es sich bei dem Begriff wie schon Nunner-Winkler (1971, S.1) kritisierte um eine „Leerformel handelt, die „eine Vielzahl inhaltlicher Bestimmungen zulässt und den die Bildungspolitik vor diesem Hintergrund auch nur allzu gerne aufgreift. Für die eigene Praxis ist entscheidender, dass in der Programmatik etliche Detailfragen und Spannungsfelder ausgeblendet bleiben, die mit organisierten Bildungs- und Erziehungsprozessen unweigerlich verknüpft sind. Ich greife im Folgenden nur einige solcher Fragen und Probleme heraus.
Individuell fördern offene Fragen und Problemfelder
Schule im Spannungsfeld von Normierung und Individualisierung
Ein erstes Spannungsfeld eröffnet sich über die Funktions- und Handlungslogik der Schule als Organisation. Die...

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