1. – 6. Schuljahr

Lerngeschichte

Lernen aktiv begleiten

Lernen aktiv zu begleiten, bedeutet für mich in erster Linie, ein echtes Interesse dafür zu haben, wie Kinder mit (Mathematik-)Aufgaben umgehen und was sie dabei denken. Eine Herausforderung ist es jedoch, an die Gedanken, Erkenntnisse und Denkwege der Schüler(innen) „heranzukommen. In meinem Schulalltag hat es mir sehr geholfen, den Kindern von Anfang deutlich zu signalisieren, dass ihre Lösungswege, ihre Entdeckungen und ihre Gedanken für mich enorm spannend sind und für Kleingruppen oder die gesamte Klasse ein hohes Potenzial zum Weiterdenken haben. Fragen der Art „Wie bist du vorgegangen?, „Was fällt dir auf?, „Was könnte sich Kind X oder Kind Y beim Lösen der Aufgabe gedacht haben? gehören in unserem (Mathematik-)Unterricht zum Alltag. Hieran haben sich meine Schüler(innen) schnell gewöhnt, selbst rechenschwache äußern sich zu ihren Vorgehensweisen und Rechenwegen, wenn sie merken, dass ihr Beitrag wertvoll ist, obwohl oder gerade weil er manchmal noch unvollständig oder fehlerhaft ist.
Besonders spannend ist es für mich als Lehrerin, wenn ich in solchen Gesprächen so nahe an das Denken der Kinder herankomme, dass ich beispielsweise eine Vorgehensweise beim Rechnen nachvollziehen kann, die sich mir aufgrund der schriftlichen Darstellung nicht erschlossen hat. Auch ist es interessant und schön, wenn Schüler(innen) sich öffnen und ihre Gedanken beim Betrachten oder Bearbeiten einer Aufgabe verbalisieren können.
Beispiel:
Zu Beginn der dritten Klasse haben wir den Zahlenraum bis 1000 erweitert. So haben wir beispielsweise die „großen Zahlen und den Raum um sie herum genauer betrachtet, indem wir sie auf dem Zahlenstrahl verortet haben und die Nachbarzehner und Nachbarhunderter gesucht haben.
Hier wurde dann beispielsweise die 243 in Beziehung zum kleineren und größeren Nachbarzehner (240) und (250) gesetzt. Dies haben wir in Form von Pfeilen gemacht.
Nachdem diese und ähnliche Übungen über mehrere Tage hinweg gemacht und besprochen wurden, meldet sich Daniela* aufgeregt und teilt mir und der Klasse mit, dass sie entdeckt hat, dass die beiden Sprünge zum jeweilig kleineren und größeren Nachbarzehner zusammengerechnet immer 10 ergeben würden. Ich habe Daniela dazu angeregt, zu überprüfen, ob dies in allen Beispielen der Fall sei, und sie hat begeistert herausgefunden, dass es hier eine Regel geben muss. Einige andere Kinder sind auf Danielas Entdeckung eingegangen und haben behauptet, dass dies ganz logisch sei und immer so sein müsse, denn zwei Nachbarzehner hätten schließlich immer den Abstand von 10. Obwohl ich während der vergangenen Schulstunden davon ausging, die Schüler(innen) hätten keine großen Schwierigkeiten beim Verorten der neuen „großen Zahlen, hatte ich erst in dem Gespräch über Danielas Entdeckung das Gefühl, dass es diesbezüglich bei einigen „klick gemacht hat. Solche Momente des Miterlebens der Denkprozesse der Kinder eröffnen sich mir eigentlich nur dann, wenn ich mich mit meinen Schüler(inne)n über Mathematik unterhalte.
Kerstin Hager, Lehrerin an der Grundschule Talschule Weingarten
* Name geändert

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