1. – 6. Schuljahr

Annedore Prengel Prof. Dr. Annedore Prengelist emeritierte Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Potsdam und Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. (Foto: Karla Fritze)

Diagnostik und Didaktik in heterogenen Lerngruppen

Jede Schulklasse ist eine heterogene Lerngruppe. Wenn die Kinder mit unterschiedlichen Lernausgangslagen aktiv begleitet werden, entsteht ein für professionelles Lehrerhandeln maßgebliches Zusammenspiel zwischen Didaktik und pädagogischer Diagnostik.1 Es werden zunächst Elemente des Lehrplans und der Didaktik heterogener Lerngruppen vorgestellt und in einem zweiten Schritt aufgezeigt, wie die didaktische Diagnostik als Element alltäglichen Lehrerhandelns unter Einbeziehung der Kinder damit verknüpft ist.

Schulisches Lehren und Lernen dient dazu, sowohl lebenswichtige kulturelle Errungenschaften früherer Generationen an Kinder und Jugendliche weiterzugeben als auch Freiräume für neue Entwicklungen und damit Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen.
Obligatorische und fakultative didaktische Elemente
Wenn Schule als generationenvermittelnde Institution verstanden wird, wird Unterricht von zwei Säulen getragen, von obligatorischen und von fakultativen Anteilen des Curriculums. Für die obligatorischen Inhalte werden von verantwortlichen Erwachsenen Kerncurricula hinsichtlich zentraler Kompetenzen des sprachlichen, mathematischen, sozialen, naturkundlichen, musischen, künstlerischen und motorischen Lernens bestimmt. Für die fakultativen Inhalte werden Freiräume für die Themen und Interessen der Lernenden geschaffen, so dass ein unvorhersehbares, veränderliches Kindercurriculum entsteht. Beide Anteile, Verpflichtendes und Offenes, zeigen sich nicht immer getrennt, denn sie können sich mischen und einander stützen.
Differenzierung in den Kerncurricula
Wenn die Heterogenität der Lerngruppe ernst genommen wird und Kinder beim individuellen Lernen aktiv begleitet werden, folgt daraus, dass die obligatorischen Kerncurricula in eine differenzierungsfähige Form gebracht werden müssen, während unterrichtliche Freiräume das fakultative Kindercurriculum von vornherein als differenziertes Lernen in Erscheinung treten lassen.
Differenzierungsfähige Kerncurricula müssen vor allem in inklusiven Settings den Anforderungen heterogener Lerngruppen genügen. Sie bilden darum aufeinander aufbauende, fachbezogene Lernschritte stufenförmig ab, indem sie mit den elementarsten Kompetenzen, die ganz am Anfang einer Lernentwicklung stehen, beginnen und bis hin zu hochkomplexen Kompetenzen in einem Lernbereich oder Fachgebiet reichen.
Für Kinder jedweder Lernausgangslage bieten gestufte Kerncurricula individuell passende Einstiegsmöglichkeiten, um von dort aus die Zone ihrer jeweils nächsten Entwicklung anzustreben. So gilt für alle Kinder das gemeinsame verbindliche Ziel, z.B. ihre Literacy-Kompetenzen so gut wie irgend möglich zu entwickeln. In der inklusiven Lerngruppe kann das zu einem gegebenen Zeitpunkt beispielsweise für ein Kind heißen, dass es lernt, Piktogramme zu erkennen und seinen Namen zu schreiben, während es für ein anderes Kind darum geht, erstmals eine Ganzschrift zu lesen oder orthografische Regeln zu beherrschen.
Stufenmodelle als Orientierung
Wichtig für die Begleitung kindlicher Lernprozesse ist, dass Stufenmodelle fachbezogenen Lernens als „Modelle reale kindliche Lernwege nicht 1:1 abbilden können. Individuell kommen Umwege, Abkürzungen, Rückschritte und Sprünge vor. Aber Stufenmodelle (die durch Erfahrung und Forschung auch stets zu verbessern sind) bieten Lehrkräften, Kindern und Eltern hilfreiche Orientierung, wenn es darum geht, Lernen zu besprechen, zu bilanzieren und zu planen.
Homogene und heterogene Lerngruppe
Wir können festhalten: Die Pädagogik der homogenen Lerngruppe ist auch in jahrgangsübergreifenden und inklusiven Schulen einem verbindlichen Curriculum der Grundbildung verpflichtet. Aber während die Inhalte und Ziele der...

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