1. – 6. Schuljahr

Charlotte Röhner | Claudia Henrichwark

Zwischen Separation und Inklusion

Die Beschulung neu zugewanderter Kinder

Das Spektrum der Beschulung neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher reicht von sofortiger Integration bis zu Vorbereitungsklassen. Aus erziehungswissenschaftlicher und aus schulpraktisch-organisatorischer Perspektive werden die verschiedenen Beschulungsformen unterschiedlich bewertet.

Je nach Bundesland und Schulstandort, aber auch innerhalb eines Bundeslandes variieren die Beschulungsmodelle. In Nordrhein-Westfalen werden z.B. sowohl Seiteneinsteigerklassen als auch Modelle der Sofortintegration praktiziert. Der Kreis Unna realisiert die Sofortintegration im Modell der „Go-in-Klassen vorbildlich. Go-in-Klassen sind an Schwerpunktschulen aller Schulformen eingerichtet und leisten die schulische Integration der neu zugewanderten Kinder in den Regelklassen durch eine begleitende Sprachförderung.
Die Sofortintegration hat sich als besonders effektiv für die Akkulturation erwiesen (Berry et al. 2010). Der Regelfall schulischer Praxis dürften aber separate Klassen mit unterschiedlichen Formen der sukzessiven Teilintegration in Regelklassen sein.
Ein systematischer Überblick aller Beschulungsformen liegt zur Zeit nicht vor (Ahrenholz et al. 2016). Vorbereitungsklassen haben ein bundesweites Comeback erlebt (Brüggemann/Nikolai 2016); vermutlich sind sie die bundesweit verbreitetste Variante der Beschulung. Sie werden in der Fachdiskussion wie in der kommunalen Schulorganisation vor Ort als eine schulorganisatorische Antwort auf die steigende Zuwanderung verstanden, die solange wie nötig und so kurz wie möglich neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen die schulsprachlichen Kompetenzen vermittelt, die zum erfolgreichen Besuch der Regelklasse erforderlich sind. In dieser Ausrichtung folgt sie einem „organisatorischen Kalkül der Schuladministration (Czock 1986, S.4), der sich „vermehrt durch Nützlichkeitserwägungen und flexible Ein-und Ausschlüsse artikuliert (Elle 2016, S.220).
Mit der Einordnung der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen als „Seiteneinsteiger werden diese als „Andere im Sinne eines „Otherings markiert (Spivak 1985) mit den damit verbundenen Folgen für ihre Selbst-und Fremdwahrnehmung. Die Konstruktionen einer Differenz, die damit einhergehen, positionieren die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen als nicht-zugehörig zur natio-ethno-kulturellen Ordnung der Aufnahmegesellschaft (Mecheril 2003). Die Positionierung als die Anderen vollzieht sich auch real in der Zuweisung zu speziellen Klassenräumen und separaten Gruppierungen.
Soziale Integration wird in der Konstruktion der „Seiteneinsteigerklassen insofern konterkariert, als Separation praktiziert und als pädagogisch wie schulorganisatorisch notwendig proklamiert wird. Dies ist auch ein Rückfall hinter die Ansprüche einer inklusiven Pädagogik und der damit verbundenen inklusiven Schulentwicklung. Zwar werden je nach Bundesland und Schulstandort unterschiedliche Bezeichnungen für die separierenden Gruppierungsformen genutzt z.B. Auffangklasse, Vorbereitungsklasse, Seiteneinsteigerklasse, Intensivklasse, Willkommensklasse, Auffangklasse , aber es handelt sich im Grundsatz um ein institutionelles Othering.
Die Sicht von Schulleitungen
Wie nutzen Schulleiterinnen und Schulleiter ihre Spielräume vor Ort? Welche Organisationsform des Unterrichts für neu zugewanderte Kinder vertreten sie aus welchen Gründen? Dazu haben sich Schulleiterinnen und Schulleiter geäußert, die sehr unterschiedliche Schulen unter sehr unterschiedlichen kommunalen Bedingungen leiten: kleine und große Systeme, gänzlich ohne bzw. mit langjähriger Inklusionserfahrung, mit und weitgehend ohne Erfahrung in der Beschulung von Kindern nicht deutscher Herkunftssprache sowie mit und ohne Erfahrung im jahrgangsgemischten Unterricht. So vielfältig wie die Ausgangslage an den Schulen, so vielfältig sind die Äußerungen. Die im...

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