1. – 6. Schuljahr

Yasemin Karakaşoğlu | Dita Vogel

Zwischen Inklusion und Interkulturalität

Zugewanderte Kinder mit Fluchterfahrungen in der Grundschule

Bislang gelingt es dem Bildungssystem nicht, die pädagogischen Orientierungen Inklusion und interkulturelle Öffnung konzeptionell miteinander zu verbinden. Dabei wäre diese Verknüpfung zum Besten aller Kinder wichtig. Durch die Vielzahl neu zugewanderter Kinder mit Fluchterfahrungen ist die Bewältigung dieser Herausforderung dringender denn je.

Die Zuwanderung von Kindern aus dem Ausland, die nicht die Unterrichtssprache des Aufnahmelandes sprechen, ist für das deutsche Bildungssystem keine neue Erfahrung. Für diejenigen, deren schulische Sozialisation bereits im Herkunftsland begonnen hatte, wurde seit den 1980er-Jahren zunehmend der Begriff des „Seiteneinsteigers (vgl. Dickopp 1982) verwendet. Eine 2015 erschienene Studie hat den Begriff „neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem eingeführt (Massumi et al. 2015).
Wir verwenden den Begriff der „neu Zugewanderten im Sinne einer Kurzbezeichnung für aus dem Ausland seiteneinsteigende Deutschanfängerinnen und -anfänger. Dabei nehmen wir für die Verwendung des Begriffs eine zeitliche Eingrenzung auf die ersten beiden Jahre vor, weil die neu Zugewanderten in dieser Zeit Zielgruppe von Sonderregelungen sind.
Neu zugewanderte Kinder sind meist mit mindestens einem Elternteil eingereist, das in Deutschland zu Familienangehörigen zieht, heiratet, arbeitet, Arbeit sucht oder Schutz beantragt hat. Im Grundschulalter kommen selten Kinder ohne Erziehungsberechtigte nach Deutschland. Daher konzentrieren wir uns im Folgenden auf die Kinder von schutzsuchenden Eltern und bezeichnen sie als Kinder mit Fluchterfahrung und gehen nicht auf unbegleitete Minderjährige ein. Dabei geben wir der Kurzform „Geflüchtete den Vorzug vor „Flüchtlingskindern, um das als abwertend empfundene Suffix -ling zu vermeiden, mit dem darüber hinaus ein Status beschrieben wird, der anhaltend ist, während die Kinder im Schulsystem als Angekommene verstanden werden sollten. Zudem beschreibt „Flüchtling einen anerkannten Rechtsstatus. Hingegen umfasst „Geflüchtete auch diejenigen Personen, die sich als Asylsuchende oder Geduldete um einen Schutz vor Abschiebung bemühen. Fluchterfahrung wird hier also auf die Situation in Deutschland und nicht auf die Situation im Herkunftsland oder während der Reise bezogen.
Geflüchtete Kinder sind keine „Sondergruppe
Das Wissen um gewaltsame Vertreibung, gefährliche Reisen und problematische Lebensbedingungen in Deutschland ist wichtig, um schwierige Erfahrungen als möglichen Hintergrund schulischer Reaktionen geflüchteter Kinder zu erkennen (s. Keller/Rettenbach auf S.19 – 37). Dennoch darf nicht davon ausgegangen werden, dass alle Kinder, die mit ihren Eltern als Schutzsuchende in Deutschland leben, eine gewaltsame Vertreibung oder eine gefährliche Reise erfahren haben. Eltern können zum Beispiel auch auf sicheren Wegen geflohen sein und konnten ihren Kindern solche Erfahrungen ersparen.
Geflüchtete Kinder sind keine Sondergruppe unter den Schülerinnen und Schülern. In vielen schulbezogenen Aspekten teilen sie Erfahrungen und Merkmale, die zu Benachteiligung führen, mit Kindern anderer sozialer Gruppen:
  • Deutschanfänger sein: Die deutsche Sprache nicht zu beherrschen, ist zentral und trifft daher auf alle neu zugewanderten Kinder zu. Auch Kinder, die in Deutschland mit einer anderen Herkunftssprache aufwachsen, und andere, die zu Hause wenig sprachliche Förderung erfahren, müssen mit Eintritt in die Schule parallel zu neuen Wissensbeständen und Techniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen eine neue Sprache oder zumindest eine andere Sprachebene (Schuldeutsch) zu lernen.
  • Systemwechsel verkraften: Ein Wechsel in ein neues Bildungssystem ist bei allen neu Zugewanderten gegeben. Dabei können bereits vorliegende Kenntnisse über Lerninhalte (etwa Rechenwege) bei einem Systemwechsel...

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