1. – 6. Schuljahr

Bettina Keller | Regina Rettenbach

Traumatisierte Flüchtlingskinder

Wie können wir sie erkennen, und was können wir tun?

Viele geflüchtete Kinder müssen belastende Ereignisse verkraften. Durch persönliche Resilienz und bei ausreichenden Schutzfaktoren gelingt dies häufig, ohne dass die Kinder Auffälligkeiten zeigen. Nicht selten wirken die Ereignisse jedoch traumatisierend, sodass die Kinder besonderer Unterstützung bedürfen.

Was ist ein Trauma? Von einem Trauma ist auszugehen, wenn eine bedrohliche Situation vorliegt, für die keine Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen, sodass sich der betroffene Mensch vital gefährdet erlebt. Die Person fühlt sich hilflos ausgeliefert, ohne Kontrolle, und ihr Selbst- und Weltbild wird massiv beschädigt oder gar zerstört (vgl. Fischer/Riedesser 2009). Nicht nur einmalige Situationen, wie schwere Unfälle, Naturkatastrophen oder Überfälle, können zu Traumatisierungen führen. Gerade bei Kindern wirken sich länger dauernde Belastungen wie Vernachlässigungen, Misshandlungen und nicht verfügbare oder häufig wechselnde Bezugspersonen oft schwer traumatisierend aus. Für Flüchtlinge wirken häufig Kriegs- und Fluchterfahrungen, sowie Verluste von Heimat und nahen Angehörigen traumatisierend.
Traumatisierungen können sich auf sehr unterschiedliche Weise äußern. Ihre Folgen sind nicht zuletzt abhängig von der Art und Dauer der Belastungen. Die Bindungserfahrung spielt eine große Rolle, auch welche Unterstützungen nach der traumatischen Situation einsetzen oder ob die Situation andauert. Die Folgen sind, wie sich in unseren Beispielen zeigt, sehr vielfältig. (s. Tabelle )
Was sehen wir?
Farid
Farid ist ein achtjähriger, kräftig wirkender, für sein Alter recht kleiner Junge aus Afghanistan. Er hat schwarze gelockte Haare, seine Kleidung ist oft schmutzig und nicht immer passend. Er lebt mit seiner Familie seit drei Jahren in Deutschland und beherrscht trotz intensiver Sprachförderung kaum die deutsche Sprache. Überhaupt kann er sich nur schwer konzentrieren, ist ständig abgelenkt. In der Klasse muss er immer wieder angesprochen werden, damit er dem Unterricht folgt. Dort und in den Pausen ist er häufig in Konflikte verwickelt. Im anschließenden Versuch, die Situation zu klären, kann er sich kaum in andere Kinder hineinversetzen und fühlt sich angegriffen. Manchmal wirkt er wie außer sich, ist aggressiv und nur mit Mühe von anderen Kindern fernzuhalten.
Nach derartigen Situationen gibt er an, sich nicht erinnern zu können. Er wisse nichts von einem Streit mit dem entsprechenden Kind. Farid wirkt dann verwirrt, teilt mit, doch nichts gemacht zu haben und nicht zu wissen, was man von ihm wolle. Im Sportunterricht ist er einmal über eine Bank gestolpert und hat sich sein Schienbein kräftig angeschlagen. Schnell wurde eine bläuliche Beule sichtbar. Er reagierte jedoch gar nicht als sei nichts geschehen. Auch sonst ist er nicht schmerzempfindlich.
Farids Eltern sind schwer erreichbar, es ist wenig über sie bekannt. Wenn überhaupt, kommt seine Mutter zu Gesprächen. Sie versteht wenig Deutsch und kann weder lesen noch schreiben, wirkt hoch belastet. Sie entschuldigt sich immer wieder und verspricht, mit Farid zu reden. Er sei ein guter Junge. Auf die Bitte, den Vater mit zum Gespräch zu bringen, antwortet sie in gebrochenem Deutsch, der Vater solle unter keinen Umständen von den Problemen des Sohnes erfahren. Fragen nach der häuslichen Situation oder möglichen Ursachen für Farids Verhalten umgeht sie oder erklärt, nichts zu verstehen.
Amanil
Amanil ist ein zehnjähriger farbiger Junge aus dem Sudan. Er ist groß für sein Alter und sehr schlank. Die schwarzen Haare trägt er kurz, und seine großen dunklen Augen blicken oft traurig drein. Seine Kleidung ist unauffällig. Der ruhige hilfsbereite Junge kam vor ca. eineinhalb Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Dem Unterricht wohnt er aufmerksam bei, macht gewissenhaft seine Hausaufgaben, und in der Klasse...

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