1. – 6. Schuljahr

Charlotte Röhner

Neu zugewanderte Kinder

Herausforderungen und Potenziale

Mit der Integration neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher in das Schulsystem sind zahlreiche Herausforderungen verbunden. Wie Schulen diesen begegnen, kann man nur auf der Grundlage praktischer Erfahrungen bewerten empirisch gesicherte Erkenntnisse liegen bisher nicht vor. Wie beurteilen Lehrkräfte die besonderen Anforderungen und Erfahrungen des Unterrichts?

Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche sind durch verunsichernde bis traumatisierende Erfahrungen während der Flucht belastet. Sie machen auch im Einwanderungsland umfassende Fremdheitserfahrungen, die sie bewältigen müssen: „Fremd sind die anderen, fremd ist die Sprache und fremd ist das, was die Lehrerin oder der Lehrer verlangt (Wirtgen/Iskenius/Eisenberg 2010, S.177). In der Entwicklungsforschung werden Übergänge als „kritische Lebensereignisse bezeichnet (Filipp 1995), die von den Betroffenen „komplexe Anforderungsleistungen abverlangen und die weitere Entwicklung sowohl in positiver wie auch in negativer Weise beeinflussen (Niesel/Griebel 2015, S.91).
Nach Erkenntnissen der Transitionsforschung hängt die Bewältigung von „verdichteten Entwicklungsanforderungen (Welzer 1993, S.37) auch von den Unterstützungsmaßnahmen und Anpassungsleistungen der pädagogischen Fachkräfte ab. Diese stehen vor der Herausforderung, neu zugewanderte Kinder im Übergang zu stärken und ihnen die Unterstützungsmaßnahmen bereitzustellen, die sie in ihrem individuellen Transitions- und Entwicklungsprozess fördern können.
Professionelle Herausforderungen
Wie Lehrkräfte mit den besonderen Herausforderungen umgehen, die der Unterricht mit neu zugewanderten Kindern an sie stellt, habe ich in einer explorativen Studie bei Lehrkräften in sogenannten „Seiteneinsteigerklassen (Röhner 2017) untersucht. Zur Problematisierung dieser Beschulungsform nehmen wir im Artikel „Zwischen Separation und Inklusion (Röhner/Henrichwark S. 9 – 11) Stellung. Die Befunde meiner Studie zum Unterricht in „Seiteneinsteigerklassen decken sich vielfach mit Befunden aus der Untersuchung schulischer Praxismodelle und Handlungsstrategien, die aus dem Primar- und Sekundarbereich vorliegen (Benholz/Frank/Niederhaus 2016; Otto/Migas/Austermann/Bos 2016).
Als zentrale Herausforderung wird der Umgang mit einer Höchstform an Heterogenität der Lernvoraussetzungen bezeichnet, die das übliche Maß bei Weitem übertrifft. So bestehen in den Lerngruppen Altersspannen zwischen sechs und zwölf Jahren, die mit erheblichen Unterschieden in den fachlichen Lernvoraussetzungen sowie in den allgemeinen Lern- und Arbeitsverhalten verbunden sind. Auch der Stand der Alphabetisierung differiert je nachdem, ob überhaupt alphabetisiert wurde oder dies in einem anderem Sprach- und Schriftsystem erfolgte. Besonders herausfordernd ist es für die befragten Lehrkräfte, Kinder aus unterschiedlichen kulturell-nationalen Kontexten und unterschiedlicher Begabungspotenziale sprachlich und fachlich zu fördern. Zudem ist das Konfliktmanagement in diesen Gruppen eine sozialregulative Aufgabe, die aufgrund der Sprachsituation oftmals schwierig zu lösen ist. Auch die Kooperation mit Lehrkräften der Regelklassen und die Elternarbeit im Hinblick auf Schulpflicht und Unterrichtsmaterialien werden als besondere Herausforderungen (s. Salem, S.24 – 25) genannt.
Start ins Deutsche
Befragt danach, wie die Lehrkräfte mit der besonderen sprachlichen Ausgangssituation umgehen, zeigt sich eine kreative didaktische Kompetenz der Lehrkräfte. Sie reagieren auf die sprachliche Nullsituation oft mit der Adaption des Immersionskonzepts des Erstenglischunterrichts und nutzen dieses, um die sprachliche Kommunikation zu entwickeln (s. Lindner 36 – 37). Auch Celik und Christmann zeigen auf S. 42 – 43, wie man mit Ansätzen der non-verbal-gestischen Kommunikation den Übergang in die neue Sprache unterstützen kann.
Der kleinschrittige Start in das Deutsche...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen