1. – 6. Schuljahr

Heidi Rösch

Bilderbücher zum Thema Flucht

Eine Auswahl

Dass sich auch Kinder- und Jugendbücher dem beherrschenden Thema „Flucht widmen, überrascht nicht. Welche Inhalte sie auf welche Weise in Text und Bild transportieren, ist sehr unterschiedlich. Die Autorin stellt sechs Bilderbücher vor und gibt Impulse für ihren Einsatz im Unterricht.

Zuhause kann überall sein
Das Bilderbuch „Zuhause kann überall sein heißt im australischen Original „My two blankets. Es geht um Wildfang, ein Mädchen, die mit seiner Tante vor dem Krieg geflohen ist und die Menschen, die Sprache und auch den Wind als kalt, fremd und abweisend erfährt. Sie möchte sich in ihre Heimat-Decke aus Erinnerungen und Gedanken einwickeln. Schließlich trifft sie im Park ein einheimisches Mädchen, das ihr die fremde Sprache nahebringt und mit ihr lacht. So beginnt Wildfang, eine neue Decke aus Freundschaft, neuen Worten und Gedanken zu weben, die ihr zur zweiten Heimat wird.
Die doppelseitigen Bilder sind in zarten Pastelltönen gehalten, die Hauptfigur und ihre Tante in auffälligem Orange, wodurch die dunkle Pigmentierung ihrer Haut, die im Titelbild aufscheint, farblich verfremdet wird. Die Umgebung wird dezent, aber doch deutlich als Industrieregion gekennzeichnet, in der sich Wildfang und ihre Tante durch die Farbgebung und ihre Gewänder zwar abheben, aber nicht (allzu) fremd wirken.
Piktorale und verbale Ebene erzählen parallel, wobei durch die geringe Textmenge die Bilder stärker wirken und zur Anschlusskommunikation anregen.
Auf der vorletzten Doppelseite steht Wildfang allein im Vordergrund. Sie ist in ihre neue Decke eingehüllt, liest vermutlich ein australisches Buch, was ihre sprachliche und kulturelle Assimilation verdeutlicht. Die Decke enthält das für sie Neue, die Insignien einer Industrienation (Abb. 1).
Der Text auf dieser Seite lautet: „Heute ist meine neue Decke genauso warm, weich und gemütlich wie meine alte. Und ich weiß, dass es egal ist, welche Decke ich benutze, denn …“ Der Satz wird auf der letzten unbebilderten Seite fortgesetzt: „Ich bin immer ich!
Der Assimilationsprozess wird dadurch relativiert, dass Wildfang ihre Erste-Heimat-Decke nicht aufgeben muss, sondern eine zweite dazubekommt. Dennoch bleiben beide weitgehend unverbunden nebeneinander. Es gibt weder Indizien für transkulturelle oder translinguale Prozesse, noch für interkulturelle Reflexionen zum Dominanzverhältnis zwischen beiden Welten, zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten etwa im Umgang mit der Natur oder mit materiellem Besitz. Die am Anfang benannte Erfahrung der Abweisung wird nicht wieder aufgegriffen bzw. ist durch den Assimilationsprozess scheinbar überwunden. Die australische Freundin verfolgt das „Helfersyndrom, indem sie den Assimilationsprozess unterstützt, aber ohne selbst zu (ver-)lernen oder sich mit ihrer Situation als Einheimische auseinanderzusetzen.
Der deutsche Titel „Zuhause kann überall sein fokussiert die Migrationsthematik viel stärker als eine direktere Übersetzung „Meine zwei Decken. Dies lässt sich auch schon in der Grundschule thematisieren. Insgesamt sollte das Buch vor allem entlang der Bilder, die zwar eng an den Text angelehnt sind, aber doch größere Leerstellen enthalten als der Text interaktiv erschlossen werden. Dabei kann immer wieder auch die im Buch ausgesparte Perspektive des australischen Mädchens ohne Namen eingenommen werden. Die Schlussaussage „Ich bin immer ich kann im Sinne einer Identitätsentwicklung und einer multiplen oder auch hybriden Identitätskonstruktion kritisch hinterfragt werden. Das Titelbild mit dem himmelblauen Schirm, unter dem beide Mädchen gemeinsam sitzen, kann zum Anlass genommen werden, über gesellschaftliche Pluralität (und eventuell auch über Diversität) zu sprechen. Zum Abschluss können Bedingungen jenseits des Erwerbs der Landessprache benannt werden, unter denen sich Geflüchtete zu Hause fühlen können.
Am Tag, als Saída zu uns kam
„Am Tag, als...

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