1. – 6. Schuljahr

Hülya Çelik | Nadine Christmann

Achtung, Platz frei

Über Mitmachgeschichten Sprache in Bewegung bringen

In Sprachlernklassen gibt es Lernende, die nie zuvor eine Bildungseinrichtung besucht haben, und andere, die den Schriftspracherwerb in der Erstsprache bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Mit Mitmachgeschichten gelingt es, die gesamte Gruppe mit Bewegung und Spaß einzubinden.

Schon bevor Kinder Worte benutzen, kommunizieren sie nonverbal. Auf dieses „Sprechen mit dem Körper kann beim Erlernen einer weiteren Sprache zurückgegriffen werden. So begegnen Lernende dem Neuem über ein vertrautes Medium. Das vermittelt nicht nur Sicherheit, sondern lenkt gleichzeitig gezielt den Fokus auf vorhandene Ressourcen. Daher nutzen wir im Deutschunterricht mit zugewanderten Kindern die TPR-Methode. TPR steht für Total Physical Response und wurde in den 1960er-Jahren von James J. Asher entwickelt (vgl. Asher o.J.). Die Stärke der Methode besteht darin, stets solche Bewegungen einzubinden, die einen konkreten inhaltlichen Bezug zum Gesprochenen aufweisen, sodass ihre Ausführung den Aufbau des Hörverstehens aktiv unterstützt. Die Umsetzung ist denkbar einfach:
  • Zunächst macht die Lehrperson eine Äußerung (z.B. „Ich öffne das Fenster) und führt zeitgleich die passende Bewegung aus. Die Kinder hören und schauen zu, um beim nächsten Mal die Bewegungen selbst mitzumachen.
  • Im folgenden Schritt agiert die Lehrperson nur noch verbal, die Kinder führen die Bewegungen allein aus.
  • Später sprechen die Kinder mit.
  • Am Ende übernehmen sie selbst die Rolle der Lehrperson.
Mitmachgeschichten
Im Englischunterricht wird TPR zur Einführung von Liedern, Reimen und Action Storys angewendet. In unserem Unterricht mit zugewanderten Kindern setzen wir Action Storys ein. Sie machen die sprachlichen Mittel aktueller Unterrichtsinhalte in dynamischer Weise zugänglich und ermöglichen, das Anspruchsniveau zu variieren.
Den Ausgangspunkt für unsere Geschichten, die wir für unterschiedliche Themenfelder (Schule, Tiere, Wetter, Essen ) formuliert haben, bildet der in der Einheit eingeführte Wortschatz. Gleichzeitig fokussiert jede Mitmachgeschichte exemplarisch eine Satzstruktur oder einen grammatischen Schwerpunkt.Beim Verfassen solcher Mitmachgeschichten sind die folgenden Kriterien wichtig:
  • Sie sind aus möglichst kurzen Sätzen aufgebaut und verzichten auf Nebensätze.
  • Jeder Satz ist eindeutig in eine passende Bewegung umsetzbar.
  • Die Mitmachgeschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.
  • Entsprechend dem Sprachstand können Länge und Anspruchsniveau der Mitmachgeschichten schrittweise gesteigert werden.
Wir legen bei den Mitmachgeschichten Wert auf selbstbestimmtes Agieren. Während einige Kinder zunächst nonverbal mitmachen, sprechen andere bereits zügig mit. So erhalten die Kinder einen individuellen Zugang zur Geschichte.
„Können wir ‚Die Sonne scheint spielen?
Diese Frage stellt Hileya in der Sprachlerngruppe für Sechs- bis Neunjährige ohne Deutschkenntnisse. Die Mitmachgeschichte zum Thema „Wetter richtet sich eher an Anfänger. In der Geschichte werden Formulierungen im Zusammenhang mit Wetterphänomenen geübt.
Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass sich die Kinder zunächst die Bewegungsabläufe einprägen auch Hileya hat die zugehörigen Bewegungen bei der Wettergeschichte schnell verinnerlicht und Freude daran, sie nachzuahmen. Implizit erfasst wird von den Lernenden außerdem die Stimmung der Geschichte: So lächeln beispielsweise alle, wenn die Sonne scheint und sie die dazugehörige Gestik ausführen. Beim Gewitter dagegen sehen sie sehr ernst aus und auch ihre Tonlage wird tiefer und kräftiger.
Mit der gesamten Gruppe gleichzeitig in Aktion zu sein, gewährt den Kindern einen gewissen Schutz. Während einige schnell mitsprechen oder sofort die Rolle der Lehrperson übernehmen wollen, dürfen sich andere schrittweise ans Sprechen herantasten. Auch wer beim Vormachen und Sprechen mal ins Stocken...

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