1. – 4. Schuljahr

Alina Butenschön

Sind wirklich alle Kinder weiß?

Normvorstellungen über die Arbeit mit Kinderbüchern hinterfragen

Kinder haben oft konkrete Vorstellungen zu Rollen, die einzelne Personen oder Gruppen in bestimmten Situationen einnehmen. Mithilfe von Kinderbüchern lassen sich diese bewusst machen und mit der Lebenswirklichkeit der Kinder vergleichen. Im Beitrag wird dies an einem Unterrichtsexperiment gezeigt. Dabei wird auch der Weg zu einem diversitätssensiblen Unterricht aufzeigt.

Die Forschung zu diversitätsbewusstem, gendersensiblem und rassismuskritischem Unterricht und der Rolle der Lehrkraft dabei ist vielfältig und umfangreich. Man weiß inzwischen relativ genau, auf welche Weise Lehrkräfte in die Reproduktion von Stereotypen und gesellschaftlich verankerten Normalitätsvorstellungen verstrickt und an ihr beteiligt sind (vgl. bspw. Bräu & Schlickum 2015, deren Band in diesem Heft rezensiert wird).
Unterricht wird aber nicht nur von der Lehrkraft beeinflusst und gelenkt, sondern es stellt sich auch die Frage, wie die Schülerinnen und Schüler daran beteiligt sind und welche Rolle deren Normalitätsvorstellungen und Stereotype dabei spielen.
Damit verbunden ist die Frage, wie die Lerngruppe darin unterstützt werden kann, die teilweise gefestigten, teilweise nicht gefestigten und eher vagen eigenen Normalitätsvorstellungen kritisch zu reflektieren. Somit wird der Anspruch, Unterricht diversitätsbewusst, gendersensibel und rassismuskritisch zu gestalten, zur Aufgabe der gesamten Lehr- und Lerngruppe.
Diversität in Kinderbüchern
In der Kinder- und Jugendliteratur wird mit Diversität und Normen unterschiedlich umgegangen.
Zumeist wird in Büchern ein homogenes Bild an Figuren konstruiert oder aber es wird eine heterogene Figurenkonstellation aufgezeigt, die sich dadurch auszeichnet, dass eine Komplikation vorzufinden ist. Diese Komplikation stellt zumeist einen Konflikt zwischen vermeintlich homogenen Gruppen dar und schürt damit oftmals ein Verständnis von Diversität als problembehaftet.
Ebenso werden bestimmte Stereotype durch Figuren und Handlungsstränge transportiert, die bestimmte Vorstellungen der Gesellschaft widerspiegeln und weitgehend unhinterfragt reproduzieren.
In letzter Zeit erscheinen zwar vermehrt Werke, die als rassismuskritisch, gendersensibel und diversitätsbewusst bezeichnet werden können, dennoch ähneln sich die Handlungsstränge auch in ihnen, indem oftmals Komplikationen und Konflikte dargestellt werden.
Zudem lassen sich bspw. Normalitätsvorstellungen, die das Leben in der Migrationsgesellschaft nicht berücksichtigen, nicht allein dadurch aufheben, dass lediglich ebenso stereotype Namen wie Maryam oder Ali für literarische Figuren verwendet werden. Zuweilen kann auch von einem Trend zum „positiven Rassismus (s. Infokasten) gesprochen werden, indem „Migrationsandere (Mecheril 2016, S. 11) zwar positiv dargestellt werden, sie aber dennoch Stereotype bleiben.
Info
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Positiver Rassismus
Unter positivem Rassismus versteht man die Bevorzugung einer als benachteiligt geltenden Person oder Gruppe aufgrund deren ethnischer Herkunft bzw. einem durch eine bestimmte ethnische Herkunft vorgegebenen Aussehen und den damit angenommenen Eigenschaften (vgl. Böcker 2011)
Ein Unterrichtsexperiment
Um den Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, dass alle Kinder – unabhängig davon, wie sehr sie selbst vermeintlichen Normen entsprechen oder von diesen abweichen – bestimmte Normvorstellungen haben, wurde ein Unterrichtsexperiment in einer zweiten Klasse durchgeführt, bei dem das Bilderbuch „Rettung auf dem Spielplatz (Beese & Rousseau 2019) der Reihe „Nelly und die Berlinchen im Mittelpunkt stand. In ihm tritt relativ atypisch für ein deutsches Bilderbuch Nelly, ein Mädchen of colour, als selbstbewusste Protagonistin auf.
Das Kinderbuch
Im Buch geraten Geschwister in Streit um ein Spielzeug, welches von Freundinnen und Freunden „gerettet werden soll. In Reimform...

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