1. – 4. Schuljahr

Cristian D. Magnus Robert Baar

Queerer Unterricht

LSBTTIQ*-Themen als Unterrichtsgegenstand in der Grundschule

Sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten, Geschlechterrollen und biologische Geschlechtsmerkmale jenseits der Norm werden in der Grundschule selten angesprochen. Dabei erfahren Kinder diverse Lebensweisen täglich in ihrem Umfeld. Der Beitrag beleuchtet strukturelle Herausforderungen für einen gleichberechtigten Umgang mit verschiedenen sexuellen und geschlechtlichen Lebensweisen.

Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Inter*-Personen und queere Personen (LSBTTIQ*) kommen in der Regel in der Grundschule nicht vor. Unterricht dazu ist tendenziell unbeliebt und findet in der Regel wenig statt.
LSBTTIQ*-Themen in Bildungsplänen
Diese Themen sind nur in wenigen Bildungsplänen der Bundesländer verankert (vgl. Deutscher Bundestag 2016) und kommen auch in der Lehrerinnen- bzw. Lehrerbildung kaum vor. Auch bei entsprechenden Fortbildungsangeboten sieht es in vielen Bundesländern dürftig aus. Ergebnis sind teils verunsicherte Schulleitungen und Lehrerinnen bzw. Lehrer, die in der Realität dennoch mit diesen Themen in ihren Klassen konfrontiert werden und sich dazu kompetent verhalten möchten (s. Infokasten 1).
Info 1
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Bildung für Fremd- und Selbstakzeptanz
Mit der Behandlung von LSBTTIQ*-Themen im Unterricht der Grundschule werden hauptsächlich zwei Ziele verfolgt: Die Vermittlung von Bildung für (Fremd-)Akzeptanz von sexueller Vielfalt und für ein Leben in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft sowie die Vermittlung von Selbstwert und Selbstakzeptanz für Kinder, die sexuelle Orientierungen, Begehrensformen und Lebensweisen jenseits der Norm aufweisen oder im Laufe ihres Lebens entwickeln werden.
Bildung für Akzeptanz von Vielfalt erscheint vor dem Hintergrund, dass „schwul eines der gängigsten Schimpfworte auf Pausenhöfen darstellt, besonders notwendig. Eine Studie aus Berlin (vgl. Klocke 2012) ergab, dass über 60 Prozent der Berliner Grundschülerinnen bzw. Grundschüler die Wörter „schwul oder „Schwuchtel in despektierlicher Form verwenden beim Wort „lesbisch waren es immerhin noch 40 Prozent. In der Studie wurde auch deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler umso negativer gegenüber vielfältigen Lebensweisen eingestellt waren, je weniger ihre Lehrkräfte diese im Unterricht thematisierten und je weniger Vielfalt im Unterricht als Normalität darstellt wurde.
Kleiner (2015) zeigt in ihrer Studie detailliert auf, dass lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche in der Schule vielfältige Formen der Diskriminierung wie verletzendes Sprechen, Beleidigungen, Mobbing, Ausgrenzung und Übergriffe vor allem durch die Peers erfahren. Diskriminierung geschieht aber auch durch Lehrkräfte und ist insofern strukturell verankert, dass Lebensweisen jenseits der Norm in der Schule in der Regel einem Silencing, also einem Be- und Verschweigen unterworfen werden.
Die Notwendigkeit einer Bildung für Selbstakzeptanz lässt sich ebenfalls empirisch ableiten: Eine Studie aus den USA belegt, dass Nicht-Heterosexualität eine der wichtigsten Einflussgrößen auf die Suizidalität Jugendlicher darstellt (vgl. Mortier et al. 2018). Wang et al. (2012) kommen in ihrer schweizerischen Studie zum Ergebnis, dass die Suizidalität von schwulen Männern zwischen zwei- und fünfmal höher ist als bei heterosexuellen Männern.
Eine weitere Studie aus den USA weist nach, dass die Suizidrate gerade dann besonders hoch ist, wenn die sexuelle Lebensweise nicht mit der sexuellen Orientierung übereinstimmt, also eine „sexual orientation discordance (Annor et al. 2018) vorliegt, weil die Personen sich aus unterschiedlichen Gründen daran gehindert sehen, ihre Sexualität auszuleben. Es gilt also, Kindern und Jugendlichen darin zu bestärken, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren und selbstverständlich und selbstbewusst zu leben egal, ob sie einer vermeintlichen Norm entspricht oder nicht....

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