1. – 4. Schuljahr

Kerstin Georg

„Pablo, konzentrier dich mal!

Selbstregulative Kompetenzen stärker in den Blick nehmen

Gerade dann, wenn Lehrkräfte den Eindruck gewinnen, dass ein Kind vom „Üblichen abweicht, bedarf es besonderer Diagnosekompetenz und -instrumente, damit es nicht bei einem diffusen Empfinden bleibt. Der in diesem Artikel vorgestellte „Einschätzbogen möchte Lehrkräften eine Unterstützung für den Entwicklungsbereich der selbstregulativen Kompetenzen anbieten.

Selbstregulation als Grundlage für den Lernerfolg
Die Fähigkeit, sich in emotionalen Situationen gut zu regulieren, seine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu fokussieren, sich an Arbeitsaufträge zu erinnern und sie dann adäquat umzusetzen, basiert auf gut ausgebildeten exekutiven Funktionen, zu deren Kernkomponenten das Arbeitsgedächtnis, die Impulskontrolle und die kognitive Flexibilität zählen.
Diese im präfrontalen Kortex unseres Gehirns verorteten Fähigkeiten sind die Basis für selbstreguliertes Verhalten und unabdingbar für den Übergang von der KiTa in die Grundschule und für den Lernerfolg in der Schule.
Man weiß heute, dass exekutive Funktionen Einfluss auf die schulische Leistungsentwicklung nehmen. Sich an einen dreiteiligen Arbeitsauftrag zu erinnern und diesen zielgerichtet zu bearbeiten, erfordert ein gutes Arbeitsgedächtnis; die Aufmerksamkeit auf den Unterrichtsgegenstand zu fokussieren trotz allerlei Ablenkungen im Klassenzimmer , bedarf einer guten Impulskontrolle; und wenn man sich bei der Lösung einer Aufgabe festgefahren hat, braucht es kognitive Flexibilität, um kreativ nach einem anderen Lösungsweg zu suchen.
Anforderungen beim Eintritt in die Grundschule
Schon der Eintritt in die Schule stellt Kinder vor neue Anforderungen. Neben leistungsbezogenen Entwicklungsaufgaben müssen viele selbstregulative Anforderungen bewältigt werden. Das Kind muss sich an strukturierte Lernzeiten gewöhnen; spontane und impulsgesteuerte Handlungen müssen zugunsten schulischer Anforderungen unterdrückt, Aufmerksamkeit muss zielgerichtet fokussiert und Arbeitsaufträge müssen in Erinnerung gerufen werden (Hasselhorn & Lohaus 2008). Zielgerichtetes Arbeiten trotz gelegentlicher Unlust, Frustration oder Ablenkung und soziale Aufgaben, wie das Arbeiten in Kleingruppen, müssen verstärkt eingeübt werden (Abb. 1 ).
Studien konnten belegen, dass zum Einschulungszeitpunkt gute selbstregulative Kompetenzen eine höhere Bedeutung für die Schulfähigkeit haben als fächerspezifische Vorläuferkompetenzen oder der IQ (Diamond 2013).
Bedeutung für den Kompetenzerwerb
Auch für den Kompetenzerwerb im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen werden den exekutiven Funktionen prädiktive Eigenschaften zugeschrieben.
Für das Aufrechterhalten von relevanten Informationen wie beispielsweise das Abspeichern von Zwischenergebnissen bei Multiplikationsaufgaben ist das Arbeitsgedächtnis involviert. Impulskontrolle ist gefragt, wenn beim Lesen einer arithmetischen Problemgeschichte ein erster Antwortimpuls unterdrückt und die Aufgabenstellung sorgfältig untersucht werden muss, wie etwa bei der Aufgabenstellung: „Es sitzen sieben Schmetterlinge in einem Strauch. Drei sind schon davongeflogen. Wie viele waren es zu Anfang?
Auch für das Unterdrücken irrelevanter Textinformationen beim Leseverständnis ist die Impulskontrolle von entscheidender Bedeutung.
Diagnose der Selbststeuerungsfähigkeiten
Englische Forscherinnen (Alloway et al. 2009) konnten aufzeigen, dass schwache Arbeitsgedächtniskapazitäten im schulischen Kontext häufig fehlinterpretiert werden: Kinder mit schwachem Arbeitsgedächtnis werden als unaufmerksam, lustlos und desinteressiert beschrieben; doch das, was sie beeinträchtigt, ist die mangelnde Fähigkeit, aufgabenrelevante Informationen lange genug im Arbeitsgedächtnis präsent zu halten, um mit diesen zu operieren. Daher sollte die Möglichkeit der schwachen Arbeitsgedächtnisfähigkeit bei Kindern mit solchen Auffälligkeiten immer auch eine gedankliche...

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