1. – 4. Schuljahr

Andreas Hechler | Robert Baar

Mehr als zwei

Intergeschlechtlichkeit in der (Grund-)Schule

Unsere Gesellschaft ist in vielen Bereichen bipolar organisiert: Wir unterscheiden groß und klein, warm und kalt, Männer und Frauen, Mädchen und Jungen. Dabei ist klar, dass es neben dieser Einteilung auch mittelgroße bzw. mittelkleine Gebäude und lauwarme Temperaturen gibt. Wie aber verhält sich dies in Bezug auf Geschlecht? Auch da gibt es mehr als nur zwei, von denen dezidiert Inter*-Personen im Zentrum des Beitrags stehen.

Ein Denken in ausschließlich zwei Kategorien, z.B. schwarz und weiß, also ohne Grau- bzw. Zwischenstufen und ohne eine weitere Ausdifferenzierung (s. Abb. 1 – 3 ), ist Normalität. Dies bildet sich u.a. in voneinander getrennten Frauen- und Männermannschaften im Sport, Männer- und Frauenchören in der Musik oder fein säuberlich geschiedenen Regalen für Mädchen- und Jungenspielzeug in Kaufhäusern ab. Dennoch gibt es auch bei der Kategorie Geschlecht mehr als nur zwei, hier wird der Schwerpunkt auf Inter*-Personen gelegt.
Der Begriff Inter* (s. Infokasten 1) bezeichnet Menschen, die von Geburt an in bestimmten physischen Bereichen Merkmale aufweisen, die nicht den Normen entsprechen, die üblicherweise zur Geschlechterklassifikation herangezogen werden. Dies kann die anatomische Gestalt der Genitalien, die Ausbildung der Keimdrüsen, die Hormonproduktion oder den Chromosomensatz betreffen, oftmals auch in Kombination.
Info 1
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Inter*
Inter* ist ein Begriff aus der Inter*-Community, „der als ein emanzipatorischer und inklusiver Überbegriff die Vielfalt intergeschlechtlicher Realitäten und Körperlichkeiten bezeichnet (IVIM 2020). Der Begriff grenzt sich von dem medizinischen Begriff „Intersexualität ab, das Sternchen steht für die Diversität intergeschlechtlicher Lebensrealitäten. Die international gebräuchliche Begrifflichkeit „DSD (Disorders of Sex Development Störungen der Geschlechtsentwicklung) wird aufgrund ihres pathologisierenden Charakters von Inter*-Selbstorganisationen abgelehnt.
Eine*r von 200
In der Bundesrepublik gibt es bisher keine systematische Erfassung von Inter* und daher auch kein valides Datenmaterial. Ghattas (2017, S. 20) schreibt hierzu: „Früheren Schätzungen zufolge wurde von Verhältnissen von 1:2000, 1:4000, 1:5000 oder weniger ausgegangen je nachdem, welche Variation im Fokus stand. Eine neue niederländische Studie hat die existierenden medizinischen Quellen miteinander verglichen und kommt auf ein weitaus häufigeres Vorkommen. Die absolute Prävalenz liegt bei 0,5078%. Das bedeutet, dass einer von 200 Menschen eine Variation der Geschlechtsmerkmale hat, die den medizinischen Normen nach der Kategorie von ‚Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD) zufällt und als ‚psychosozialer Notfall medizinischer Zuwendung ‚bedarf.
Medizinische Diagnostik als Teil des Problems
Von der Medizin werden die körperlichen Variationen von Inter* als Syndrome verunglimpft und als Störungen pathologisiert. Derartig diagnostizierte Kinder sind häufig schweren Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung ausgesetzt, beispielsweise durch geschlechtsverändernde Eingriffe (OPs, Hormonverabreichungen etc.), in die sie nicht eingewilligt haben und die zumeist mit körperlichen und psychischen Schädigungen einhergehen. Eine dramatisch hohe Suizidrate, die von Inter*Initiativen mit bis zu einem Viertel angegeben wird (Suizidversuche: bis zu 80%), verdeutlicht die Problematik und ihre Implikationen für Pädagogik, soziale Arbeit und Schule.
Bei bekannter „Veranlagung wird Eltern von einer Schwangerschaft abgeraten und pränatale „Hormontherapien sollen intergeschlechtliche Kinder schon während der Schwangerschaft „korrigieren. Pränatales Screening hat eine unbestimmte und mit verbesserter Diagnostik stetig steigende Anzahl von Abtreibungen aufgrund von Intersexualitäts„Syndromen zur Folge, inklusive der Möglichkeit und der „Empfehlung, das Kind abzutreiben,...

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