1. – 4. Schuljahr

Robert Baar

Jenseits der Norm

Menschen und Situationen diversitätssensibel begegnen

Normen helfen, das Zusammenleben in der Gesellschaft und auch in der Schule zu regeln. Doch auch Situationen und Verhaltensweisen jenseits der Norm gehören zum Schulalltag. Lehrkräften gelingt es dabei meist, mit Normverletzungen und Normüberschreitungen professionell umzugehen. Der Reflexion eigener Normalitätsvorstellungen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Dass Grundschulklassen heterogen und Schülerinnen und Schüler unterschiedlich sind, ist Tatsache, seit es Grundschulen gibt. Mit dem schon bei ihrer Gründung vor 101 Jahren in der Weimarer Verfassung festgelegten Auftrag, eine Schule für alle zu sein, ist dies sogar konstituierend für diese Schulform.
Dennoch entsprechen die beschriebenen Kinder nicht dem, was im Schulalltag oft die Normalschülerin bzw. den Normalschüler bezeichnet. Kategorisierungen werden herangezogen, um ein „jenseits der Norm zu markieren: Manche Kinder werden als hochbegabt bezeichnet, andere als verhaltensauffällig, körperbehindert, transgender oder als Lernende mit Migrationshintergrund.
Merkmal oder Etikett?
Oftmals entwickeln diese ursprünglich auf ein Merkmal bezogenen – Kategorisierungen eine eigene Dynamik: Sie verbinden sich mit anderen Merkmalen des Kindes, mit der Einschätzung seiner Persönlichkeit oder seinem Leistungsvermögen und werden so zum „Etikett.
Etikettierungen durch die Lehrperson führen zu Stigmatisierung und können somit auch Ausgrenzungen und Mobbing in der Klasse befördern. Normen und die Vorstellungen von dem, was diesen entspricht und was nicht, haben damit entscheidenden Einfluss auf den Schulalltag und die an ihm Beteiligten.
Normen setzen Standards
Normen bezeichnen dabei zunächst allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Regeln und Handlungsmaxime, die das Zusammenleben organisieren und hierfür notwendige Standards setzen. Dabei kann man drei Arten von Normen unterscheiden:
Gesetzliche Normen
Zum einen solche, die in Gesetzen und Verordnungen festgeschrieben werden, nachdem sie einen meist öffentlichen, unterschiedliche Interessen berücksichtigenden Normungsprozess durchlaufen haben. Hierzu zählen beispielsweise Verordnungen, die die Dauer der Unterrichtszeit regeln, Abgasgrenzwerte für Pkw oder die (oft als Negativbeispiel für Regulierungswut herangezogene) Verordnung (EG) Nr. 2257/94 der Europäischen Kommission, die die Eigenschaften und Klassifizierung importierter Bananen in die EU verbindlich regelt (s. Abb. 1 ).
Normen als Leitlinien für Qualitätssicherung
Andere Normen, wie beispielsweise die DIN 58124, die die ergonomischen Mindestanforderungen an einen Schulranzen festlegt, sind nicht verbindlich, sondern dienen als spezifizierte Leitlinien, deren Einhaltung Qualität und Sicherheit garantieren soll.
Normen als gesellschaftliche Erwartungen
Schließlich gibt es Normen, die keinen explizit vorschreibenden Charakter haben und auch nicht niedergeschrieben sind. Hierzu zählen vor allem soziale Normen, auch soziale Skripte genannt, die gesellschaftliche Erwartungen an das (sittliche, konventionelle) Verhalten einer Person zum Ausdruck bringen und stark an Zeit, Ort und Kultur gebunden sind.
Die Vermittlung solcher Normen in der Schule geschieht oft implizit und ungeplant in Form eines heimlichen Lehrplans. Dennoch legt der Erziehungsauftrag von Schule nahe, dass Lehrkräfte neben eher beiläufigen Appellen und Ermahnungen durchaus auch gezielt Methoden und Medien einsetzen, um Schülerinnen und Schülern zu normkonformem Verhalten, wie die Einhaltung allgemeiner Gesprächsregeln, Gewaltfreiheit, demokratische Interessensvertretung etc., anzuleiten.
Norm und Normalität
Eng verknüpft mit Normen ist der Begriff der Normalität: „Normen beschreiben, was in einem bestimmten Kontext als normal angesehen wird (Horn & Adick 2012, S. 447), sie sorgen aber auch dafür, dass das, was der allgemeinen Norm nicht entspricht, als anormal...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen