1. – 4. Schuljahr

Diemut Kucharz im Gespräch mit Nicola Meschede

Das Klassenzimmer in die Universität holen

Diemut Kucharz: Wir haben uns kennengelernt im Projekt Level „Lehrkräftebildung vernetzt entwickeln, das im Rahmen der bundesweiten Qualitätsoffensive versuchte, die einzelnen Phasen und Bereiche der Lehrerbildung besser zu vernetzen. Was genau haben Sie in diesem Projekt gemacht?
Nicola Meschede: Im weitesten Sinne habe ich mich damit beschäftigt, die universitäre Lehrkräftebildung zu verbessern. Das ist natürlich eine große Aufgabe, und so haben wir uns auf einige zentrale Herausforderungen fokussiert. Beispielsweise wird die Lehrkräftebildung immer wieder dafür kritisiert, dass Wissen nur theoretisch vermittelt wird, eine Vorbereitung auf die Anwendung dieses Wissens in konkreten Unterrichtssituationen aber fehlt. Dieser Herausforderung wollten wir im Projekt begegnen, indem wir über Videos aus realem Unterricht „das Klassenzimmer in die Universität holen. Das Ziel des Einsatzes von Unterrichtsvideos war jedoch nicht das „Abschauen und „Kopieren gelungenen Unterrichtshandelns. Vielmehr ging es darum, Studierende in die Lage zu versetzen, Unterricht vor dem Hintergrund theoretischen Wissens zu analysieren, z.B. theoriebasiert die Denkprozesse der Lernenden in den Blick zu nehmen, zu hinterfragen, warum eine Lehrkraft eine bestimmte Unterstützungsmaßnahme einsetzt, was sie dadurch bei den Lernenden initiiert (oder auch nicht) und welche weiteren Handlungsoptionen eine Unterrichtssituation bietet. Man spricht hierbei in der Lehrkräfteforschung auch von dem Aufbau einer „professionellen Unterrichtswahrnehmung.
DK: Sobald Studierende in die Praxis gehen, werden sie mit der gesamten Komplexität von Unterricht konfrontiert
NM: Ja, viele Dinge passieren gleichzeitig, sind mehrdeutig, und Situationen sind nicht immer vorhersehbar. In einem Unterrichtsgespräch müssen Studierende beispielsweise ihre Unterrichtsplanung und das Ziel der Stunde im Kopf haben, aber auch die Äußerungen der Kinder im Moment analysieren, um sinnvoll an diese anknüpfen zu können. Dabei müssen sie im Blick behalten, ob andere Kinder diesen inhaltlich folgen können oder sich Zeichen von Unverständnis zeigen, ausgehend von der Äußerung eines Kindes bereits den nächsten Gesprächsschritt planen und auch die Klassenführung nicht vergessen, um z.B. aufkommende Störungen möglichst frühzeitig zu erkennen und zu unterbinden. Durch die videobasierte Anbahnung einer professionellen Unterrichtswahrnehmung werden Studierende darauf vorbereitet, in der Komplexität von Unterrichtssituationen gezielt diejenigen Ereignisse selektiv wahrzunehmen und theoriebasiert zu interpretieren, die für das Lernen der Kinder relevant sind.
DK: Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren, wie das aussieht?
NM: Im Sachunterricht geht es hierbei häufig darum, dass die Studierenden erkennen, an welchen Stellen im Unterricht welche Art der Lernunterstützung angemessen ist. Hierfür müssen sie zunächst wahrnehmen, welche Vorstellungen oft Alltagsvorstellungen in den kindlichen Äußerungen zu einem Sachverhalt stecken. Das ist wichtig, um dann entscheiden zu können, ob sie z.B. weiter darauf aufbauen können oder einen kognitiven Konflikt erzeugen sollten. Also wenn ein Kind auf die Frage, was schwimmt und was sinkt, antwortet, dass Gegenstände mit Löchern untergehen, muss die Lehrkraft entscheiden, ob man mit diesem inhaltlichen Konzept weiterarbeiten kann und wie sie das am besten macht, um das Lernen dieses und der anderen Kinder zu unterstützen.
DK: Und die Arbeit mit Unterrichtsvideos hilft Studierenden, sich auf solche Situationen vorzubereiten?
NM: Meine Erfahrung aus Lehrveranstaltungen ist, dass Studierende sich durch die Arbeit mit Unterrichtsvideos tatsächlich in ihrer professionellen Wahrnehmung sehr gut weiterentwickeln können und sie dadurch auch bei der Durchführung eigenen Unterrichts entlastet werden, weil ihr Blick auf bestimmte,...

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