1. – 4. Schuljahr

Carolin Rotter

Ein besonderer Draht?

Migrationshintergrund als vermeintlich verbindende Gemeinsamkeit

Mit Blick auf die Bildungsdisparitäten von Kindern mit Migrationshintergrund wird in den letzten Jahren zunehmend gefordert, die Zahl an Lehrkräften mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem zu erhöhen. Hier wird der Frage nachgegangen, ob eine Habitussensibilität, die speziell Lehrkräften mit Migrationshintergrund zugeschrieben wird, zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen kann.

Die Forderung nach mehr Lehrkräften mit Migrationshintergrund resultiert zum einen aus dem quantitativen Missverhältnis zwischen dem Anteil an Lehrkräften mit Migrationshintergrund und demjenigen an Lernenden mit Migrationshintergrund.
Während im Durchschnitt 33% der Schülerinnen und Schüler über einen Migrationshintergrund verfügen, stammen lediglich knapp 10% der Lehrkräfte aus einer Einwandererfamilie (vgl. Statistisches Bundesamt 2018). Auch wenn im Vergleich zu den Jahren davor eine Steigerung des Anteils zu verzeichnen ist, liegt dieser noch weit unter dem an Lernenden mit Migrationshintergrund. Zum anderen werden mit diesen Lehrkräften besondere, sehr unterschiedliche Erwartungen verbunden, die sich mit der Formel „Vertraute, Vorbilder, Übersetzer zusammenfassen lassen.
Dahinter steckt die Annahme, dass Lehrkräfte mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer eigenen (Bildungs-)Biografie über spezielle interkulturelle Ressourcen verfügen und einen besonderen Zugang zu Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund hätten.
Verstehen durch konjunktive Erfahrungen?
Überträgt man die Begründungsmuster, die sich im öffentlichen Diskurs finden lassen, in die Begrifflichkeiten der praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Mannheim 1980), so ließe sich vom Migrationshintergrund als „konjunktivem Erfahrungsraum sprechen, der alle Menschen mit Migrationshintergrund verbinde und aus dem „konjunktives Wissen in Form ähnlicher Wahrnehmungen von Welt und ähnlicher Handlungsmuster resultiere.
Dieses soll dieser Gruppe an Lehrkräften (Abb. 1, 2 ) zu einem besseren Fallverstehen als Ausgangspunkt und Grundlage professionellen Handelns verhelfen (vgl. Oevermann 1996). Es wird von einer habituellen Übereinstimmung von Lehrkräften und Lernenden mit Migrationshintergrund ausgegangen, die zu einer besonderen Habitussensibilität (vgl. Kubisch 2014) bei Lehrkräften mit Migrationshintergrund führen soll, d.h. zu einer Sensibilität für den jeweiligen Habitus von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.
Diese Habitussensibilität (s. Infokasten) soll diesen Lehrkräften ermöglichen, die Bildungssituation von Kindern mit Migrationshintergrund auf eine unmittelbarere Weise zu verstehen, als dies Lehrkräften ohne Migrationshintergrund möglich ist, und sie nachhaltig zu verbessern sowie den empirisch nachgewiesenen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu durchbrechen.
Info
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Habitussensibilität
Mit dem Konzept der Habitussensibilität wird im Fall von Lehrkräften ein Anspruch an professionelle Praxis formuliert, wonach diese fähig sein sollten, den jeweiligen Habitus ihrer Schüler und Schülerinnen sowie deren Eltern zu erschließen und diesen in ihrem Handeln zu berücksichtigen. Das heißt, Lehrkräfte sollten im Prozess des Fallverstehens die internalisierten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster ihrer Gegenüber rekonstruieren können, die auf deren Erfahrungen in ihrer Alltagspraxis basieren und in Form impliziten Wissens vorliegen.
Darüber hinaus gehört zur Habitussensibilität, dass Lehrkräfte ihren eigenen Habitus und somit den Einfluss wiederum ihrer biografischen Erfahrungen auf ihr Handeln reflektieren.
Befragung von Lehrkräften
Im Rahmen einer eigenen empirischen Studie, in der mittels qualitativer Interviews Lehrkräfte mit Migrationshintergrund zu ihrem beruflichen Selbstverständnis und ihren schulischen Erfahrungen befragt wurden (vgl. Rotter 2014a, 2014b), konnte gezeigt...

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