1. – 4. Schuljahr

Irene Corvacho del Toro | Ulrich Mehlem

Der Verrat der Kategorien

Normkritisch und reflektiert mit Heterogenität umgehen

In einer Klasse lernen Kinder mit Migrationshintergrund, Verhaltensauffälligkeit, Hochbegabung, ADHS u.a. gemeinsam. Aber was sagt eine solche Kategorisierung aus? Ist es sinnvoll, diese Kategorien zur Einschätzung des eventuellen Förderbedarfs heranzuziehen oder sollte nicht vielmehr jedes einzelne Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen im Mittelpunkt stehen?

„Der Verrat der Bilder (Abb. 1 ) ist eines der bekanntesten Werke René Magrittes. Es zeigt eine Pfeife, unter der in Schönschrift der Satz „Dies ist keine Pfeife steht. Das Gemälde entstand 1929 und hat eine Reihe von Interpretationen nach sich gezogen.
Die von Michel Foucault (1973) lädt zur Reflexion über den Unterschied zwischen Vorhandenem und Nichtvorhandenem, Dargestelltem und durch Sprache Bezeichnetem ein. Bildliche Darstellungen, ebenso wie Wörter, rufen Assoziationen, Empfindungen, Werte u.a. hervor, so, als ob all diese Assoziationen real im Objekt der Anschauung vorhanden wären. Abbild und Wort, Gegenstand und Bezeichnung scheinen zusammenzufallen.
Kategorisierung im schulischen Kontext
Das Verhältnis zwischen einer bildlichen Darstellung, einer Bezeichnung und einem realen Gegenstand weist Parallelen zur Wirkung von Kategorien auf, denen real existierende Menschen zugeordnet werden. So begegnen im schulischen Kontext Lehrkräfte Schülerinnen und Schülern, die durch verschiedene diagnostische oder vergleichbare Verfahren Kategorien wie Migrationshintergrund, Förderbedarf Lernen, Downsyndrom, ADHS, Deutsch als Zweitsprache, körperliche Behinderung u.Ä. zugeordnet werden.
Ein Verständnis für das Zustandekommen dieser Diagnosen sowie für die Bedeutung von Kategorien ist grundlegend für einen normkritischen und reflektierten Umgang mit Heterogenität und Gegenstand dieses Beitrags.
Individuelle Voraussetzungen in den Blick nehmen
Das Ziel von Kategorisierungen und Diagnosen besteht zunächst darin, im Sinne der Inklusion die Lernleistungen von Schülerinnen und Schülern unter Berücksichtigung ihrer individuellen Voraussetzungen (kognitive, körperliche, soziale, emotionale, sprachliche u.a.) zu erkennen, zu fördern und zu bewerten.
Die Gefahr, die sich daraus ergibt, wird als Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma bezeichnet. Dieses beschreibt den Umstand, dass pädagogische Ressourcen im Bildungssystem an Etikettierungsprozesse gekoppelt sind, die ihrerseits die Betroffenen stigmatisieren und auf ihrem weiteren Lebensweg benachteiligen (vgl. Huber & Grosche 2012; Katzenbach 2015).
Die Stigmatisierung kann als eine Folge des „Verrats der Bilder betrachtet werden. Denn kategoriale Zuschreibungen rufen bestimmte Bilder hervor, die die Gefahr der Täuschung verbergen, indem sie nur ein erstes flaches Abbild der real vorhandenen Fähigkeiten/Kompetenzen und/oder Grenzen/Limitationen der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers erfassen.
Für die pädagogische oder Förderpraxis, z.B. für das Erstellen von individuellen Lernangeboten oder Förderplänen, erweisen sich aber die meisten Kategorien (Migrationshintergrund, Deutsch als Zweitsprache, bildungsfern) oder Diagnosen (ADHS, Downsyndrom, Dysgrammatismus) als unzureichend.
Diagnostik
Die Individualdiagnose basiert auf Unterschieden zwischen den statistischen Normwerten, welche den Zustand der Mehrheit widerspiegeln, und den Werten des bzw. der Einzelnen. Grundlegend sind dabei die Begriffe der Variable und der Merkmalsausprägung.
Das Merkmal und seine Ausprägung
In der Statistik wird ein bestimmtes Merkmal (bspw. Migrationshintergrund) als Variable bezeichnet, die Merkmalsträgerin oder der Merkmalsträger ist die Person. Die Ausprägung eines Merkmals kann diskret oder kontinuierlich sein bzw. dargestellt werden (Abb. 2, 3 ).
Merkmale mit diskreter Ausprägung
Variablen mit einer diskreten Ausprägung erlauben eine dichotome...

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