1. – 6. Schuljahr

Lis Schüler | Mechthild Dehn | Daniela Merklinger

„Schlagen ist doch normal!

Beobachtung und Kommentar von Petra Matthies

Joah und Hazal gehen in die zweite Klasse, beide Kinder kommen aus Haushalten mit schwierigen sozialen Verhältnissen. Mit Hazal waren wir letztes Jahr im Kinderschutzzentrum und haben die Mutter zum Thema häusliche Gewalt beraten. Beide sind seitdem dort in Therapie.
Eines Tages muss Joah nach dem Unterricht im Klassenraum bleiben, weil er wiederholt einen Erstklässler verfolgt und getreten hat. Hazal packt noch ihre Sachen ein. Ein Erzieher hört das folgende Gespräch:
Joah: Schlagen ist doch normal meine Mutter schlägt mich jeden Tag, wenn ich nicht auf sie höre!
Hazal: Das dachte ich auch! Meine Mutter hat mich auch oft gehauen, aber nun gehen wir in ein Zentrum. Die haben da meiner Mutter erklärt, dass man Kinder nicht hauen darf, sonst gehen sie kaputt! Seit ich mit Mama da bin, haben wir weniger Streit!
Joah: Bei mir hört das nie auf!
Hazal: Doch, ihr müsst da auch hingehen!! Ich sag dir, wo das ist!
Petra Matthies ist Beratungslehrerin an einer Hamburger Grundschule, ihr wurde von diesem Gespräch berichtet.
Kommentar
Was kann man tun?
Klar ist für mich, dass jeder, der von solchen Gesprächen etwas mitbekommt, verantwortlich ist, sich zu kümmern. Manchmal kommen Kolleginnen oder Kollegen und fragen: Muss ich da jetzt eingreifen? Oder nur, wenn das betroffene Kind direkt zu mir kommt? Aber so eine ehrliche Offenbarung gibt es selten im alltäglichen Gespräch mit Erwachsenen. Die Kinder wissen, dass sie darüber nicht sprechen dürfen, manchen wird mit dem Heim gedroht.
Zunächst spreche ich mit dem Kind. Zwei Dinge sind wichtig: Das Kind erfährt, dass ich weiß, dass es geschlagen wird, und dass es in Deutschland verboten ist, Kinder zu schlagen. Dann biete ich dem Kind an, mit seinen Eltern zu sprechen. Viele lehnen das zunächst ab. Ich sage ihnen, dass sie zu mir kommen können, wenn sie sprechen wollen, und behalte das Kind im Blick.
Sprechen und vermitteln
Meistens tut sich etwas, wenn die Kinder wissen, dass ich es weiß. Oft kommen sie und erzählen mir noch etwas Schlimmeres, als ob sie testen wollen, wie ich reagiere.
Im ersten konfrontierenden Gespräch streiten viele Eltern ab, dass sie ihr Kind schlagen, weil sie sich schämen das ist ein großes Thema. So war es auch bei Hazals Eltern. Wir haben weitere Gespräche geführt und deutlich gemacht, dass dem Kind geholfen werden muss. Schließlich ist die Mutter zu einer Beratung ins Kinderschutzzentrum gegangen und konnte sich dort öffnen.
Oft sind Überforderung und Hilflosigkeit die Gründe, aus denen Eltern ihre Kinder schlagen, sie brauchen selber Hilfe. Bei einer Beratung geht es nicht darum, Eltern als Täter bloßzustellen, sondern die Not des Kindes zu thematisieren und deutlich zu machen, dass die Eltern verpflichtet sind, dem Kind zu helfen. Wenn Eltern diesen Schritt nicht schaffen, müssen wir das Jugendamt einschalten.
Joah hat selbst geschlagen, weil er es nicht gewohnt war, zu sprechen. Nachdem die Situation an der Schule weiter eskalierte, hat Joah einen Platz in einem Schulprojekt der umliegenden Schulen bekommen, in dem er mit neun anderen Kindern von drei Sozialpädagogen betreut wird. In diesem Fall haben wir die Verantwortung in andere Hände gegeben. Die Szene zeigt aber auch, dass es für Kinder wie Hazal, die in Not sind, Hoffnung gibt.

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