1. – 6. Schuljahr

Jan von der Gathen

Miteinander sprechen, einander etwas zutrauen

Demokratie lebt durch Vorbilder

Erich Kästner war nicht nur Autor, er war vor allem ein Menschenfreund. Und genau das macht ihn auch heute noch zu einem Vorbild für die demokratische Schule.

Erich Kästner, Journalist, Schriftsteller, Kritiker, Aufklärer, Erzieher, Pazifist und Autor weltbekannter klassischer Kinderbücher sowie viel zitierter gesellschaftskritischer Gedichte und Essays, war Zeit seines Lebens ein Verfechter individueller Freiheit und des gleichberechtigten Umgangs zwischen Kindern und Erwachsenen. Vor allem in seinem Kinderroman „Das fliegende Klassenzimmer breitet Erich Kästner sein im Kern demokratisches Verständnis einer lernenden Schule aus. Für die Entstehungszeit dieses Buches ist das nicht selbstverständlich und gerade heute ist es auf neue Weise hochaktuell!
Immer ein Lerner bleiben
„Hätte jemand den kleinen Erich Kästner gefragt, was er am liebsten werden wolle, hätte er geantwortet: Lehrer (Kordon 1994, S.19). Denn der in Dresden im Jahr 1899 geborene und aufgewachsene Kästner lebte nicht nur mit seinen Eltern zusammen, sondern erlebte schon als kleiner Junge einige Lehrerpersönlichkeiten. Lehrer wohnten als Untermieter in der kleinen Mansardenwohnung von Ida und Emil Kästner im Herzen von Dresden. Abends saßen sie in der Küche der Familie Kästner und erzählten aus der Schule, korrigierten Hefte. Besonders der Charakter, die lebensfrohe und lustige Art des Volksschullehrers Franke beeindruckten Kästner, und der junge Mann wurde zum ersten positiven Lehrerbild des kleinen Erich.
Die eigene Schulzeit brachte Erich Kästner aber mehr Tränen als die erhoffte Erfüllung. Zwar war er ein ausgezeichneter Schüler, doch in der Schule, die er später wiederholt als „Kinderkaserne bezeichnete, traf er auf „Lehrerfeldwebel, die mit dem Rohrstock Wissen und Gehorsam erzwingen wollten.
Kästner wechselte im Jahre 1913 auf das Lehrerseminar für Volksschullehrer. Auch hier waren die Verhältnisse und das Miteinander nicht viel besser. „Ich war kein Lehrer, sondern ein Lerner. Ich wollte nicht lehren, sondern lernen. Ich hatte Lehrer werden wollen, um möglichst lange ein Schüler bleiben zu können. (ebd., S. 80).
Und das scheint für Erich Kästner eine Grundvoraussetzung für gelingende Demokratie zu sein: Menschen, die sich selbst nie als „fertige Menschen ansehen. Im Gegenteil: Menschen, die den Anspruch haben, von anderen lernen zu wollen, die bereit sind, zuzuhören, abzuwägen und Kompromisse einzugehen.
Das fliegende Klassenzimmer
Im Jahre 1933 verfasste Erich Kästner, längst Kolumnist und Theaterkritiker, ein Buch von und über die Schule. In seinem vierten Kinderroman „Das fliegende Klassenzimmer stellt Kästner die uralte Frage nach dem Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen bzw. Schülern zu Lehrern. „Er sieht sie in Eigenschaften wie Liebe, Güte, Hilfsbereitschaft, Kameradschaft, Fröhlichkeit, Ehrlichkeit und vor allem Gerechtigkeit (Bemmann 1994, S. 272).
Im Mittelpunkt dieser reinen Jungengeschichte steht als Erwachsener ein gewisser Dr. Bökh, der Hauslehrer des Internates. „Doktor Bökh hieß mit seinem Spitznamen Justus. Das heißt auf deutsch: der Gerechte. Denn Doktor Bökh war gerecht. Gerade deswegen verehrten sie [die Schüler, v.d.G.] ihn so (Kästner 1982, S. 34). Hier entfaltet Kästner eine Lehrerpersönlichkeit, die er in seiner eigenen Schullaufbahn wohl nur auf dem Gymnasium erlebt hat.
Lehrer Bökh ist ein älter gewordener, doch „anständiger Junge gebliebener Modellerwachsener, wie Kästner ihn sich wünscht. Vertrauensvoll, liebenswürdig und vor allem gerecht begegnet Bökh seinen Schülern, die er als „Partner und nicht als „Untertanen betrachtet. An einer kleinen Begebenheit aus dem „Fliegenden Klassenzimmer wird dies deutlich:
Die befreundeten Internatsschüler Martin, Uli, Matthias und Johnny haben vor dem abendlichen Verlassen des Internatsgebäudes nicht um Erlaubnis bei Dr. Justus...

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