1. – 6. Schuljahr

Mechthild Dehn im Gespräch mit Ingrid Gogolin

Jeder ist mehrsprachig

Mechthild Dehn: Was halten Sie persönlich und in wissenschaftlicher Perspektive für ein besonders faszinierendes Phänomen Ihrer Forschung?
Ingrid Gogolin: Eines der faszinierendsten Phänomene für mich ist, dass die Frage der Mehrsprachigkeit nicht aufhört, mich zu faszinieren. Die sprachlichen Bauprinzipien des Individuums auf der einen Seite, aber auch von Gemeinschaften, von Gesellschaften sind so unendlich reich, so facettenreich und gleichzeitig so kompliziert, dass ich nie das Gefühl hatte, jetzt bin ich mit dem Thema so weit, dass ich zufrieden bin. Das ist das Aufregendste, dass das ein Thema ist, das sich aus sich selbst immer weiterentwickelt, theoretisch und praktisch.
MD: In Ihrer Dissertation, das war 1988, haben Sie formuliert: „Erziehungsziel Zweisprachigkeit.
IG: Ich habe schon damals eigentlich „Mehrsprachigkeit gemeint. Aber das lag noch nicht so in der Luft. Ich hatte auch schon die verschiedenen Ebenen von Komplexität im Blick. Also die sprachliche Diversität, die Vielfalt, die sich innerhalb einer Sprache ausdrückt, andererseits die sprachliche Diversität zwischen Sprachen und dann die Diversität der Kontexte. Das war der Versuch, das in einem Denkmodell für Bildung zu fassen. Zweisprachigkeit war damals der Begriff.
MD: Das ist sehr interessant. Können Sie das konkretisieren?
IG: Die eine Dimension ist die innere Diversität, der Variantenreichtum einer Sprache. Jeder Mensch verfügt über mehr oder weniger situationsgemäße Varianten seiner Sprache; er spricht zum Beispiel in der Familie anders als mit Berufskollegen, anders als bei einem Behördengang oder am Stammtisch.
Dann gibt es den Variantenreichtum zwischen Sprachen im klassischen Sinn. Das ist die zweite Dimension, die sich auf die Sprachen selbst bezieht, also die Verschiedenheit der Wörter, Klänge, Grammatiken usw. Und schließlich kommt als so etwas wie eine gesellschaftliche, soziale oder emotionale Rahmung der Kontext hinzu.
MD: Peter Bichsel, der Schweizer Schriftsteller, hat einen Vortrag gehalten mit der Überschrift: „Es gibt nur EINE Sprache. Bichsel bezieht sich auf Roman Jacobsen, der als Sprachgenie galt und von sich sagte, er kann EINE Sprache. Eindrücklich ist eine Szene, die Bichsel erzählt. Er reist im Zug von Kairo nach Assuan zusammen mit einem Feuerwehroffizier. Sie verstehen sich gut. Der Feuerwehrmann fährt zu einem Kongress, sagt, er liest nur religiöse Bücher, hat etliche dabei; sein Sohn ist Arzt. Dann steht Bichsel auf dem Bahnsteig in Assuan und ihm fällt ein, dass er nur ein einziges arabisches Wort kennt: schukran (dankeschön). Das heißt, sie haben einen Kontext gefunden, um sich zu verständigen. Und diese Dimension vergisst man, wenn man immer auf die Einzelheiten geht.
IG: Ja. Meine allererste Näherung an Sprache war eine philologische wie man das im Studium so erlebt. Mit der habe ich irgendwann gebrochen, weil sie sprachliche Praxis aus der Perspektive eines theoretischen Konstrukts, das Sprache ausmacht, definiert. Das ist aber für mich eine völlig andere Herangehensweise als die, die ich benötige, wenn ich beobachte, wie Menschen sprechen, und erst recht, wenn ich beobachte, wie Kinder Sprache lernen. Denn sie lernen zunächst nicht Sprache als „Gefäß, als ein in sich geschlossenes System, sondern sie lernen zu kommunizieren, sich zu verständigen mit allen Mitteln, die sie haben.
MD: Auch wenn sie nur „dankeschön sagen können. Mir fallen dazu die Erfahrungen ein mit Erzählkonzepten in der Grundschule: In Berlin haben professionelle Erzählerinnen mit szenischer Sprechweise und wenig Requisiten Grundschulklassen, zum Beispiel aus Wedding, komplexe Märchen erzählt. Eigentlich könnte man sagen, die meisten Kinder verstehen vieles nicht aber die Befunde zeigen beachtliche sprachliche Fortschritte nach einigen Monaten.1 Und in Bremen hat sich Johannes Merkel mit der Erzählwerkstatt an Ihrem...

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