1. – 6. Schuljahr

Hans Brügelmann

Digitale Demenz oder digitale Hysterie?

Heutige Kindheit ist Medienkindheit. Eine Platitüde. Aufgabe von Wissenschaft wäre es, diese Pauschalaussage zu differenzieren und zum Nachdenken über einseitige Alltagseindrücke anzuregen. Stattdessen bedient sie oft Vorurteile mit pauschalisierenden Buchtiteln wie „digitale Demenz (M. Spitzer 2012), „digital Junkies (B. te Wildt 2015) und „digitales Debakel (A. Keen 2015).
Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und so kritisiert Georg Milzner diese einseitigen Sichtweisen als „Digitale Hysterie. Das ist aber auch schon das einzige Pauschalurteil in seinem klugen Buch zu der Frage „Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen (Weinheim: Beltz 2016).
Differenzierung statt Pauschalurteil
Milzners Analysen überzeugen, weil er immer wieder Differenzierung anmahnt so gegenüber Spitzers Rundumschlag „Vorsicht Bildschirm!, der das Konsumieren von Fernsehsendungen in einen Topf wirft mit dem Simsen auf dem Handy, dem Recherchieren einer Sachfrage im Internet, dem Spielen eines Videospiels auf der Konsole und dem Erstellen einer Power-Point-Präsentation am PC. „Vordergründig geht es natürlich um den Bildschirm (S. 31) und „extreme Aktivitäten in gleich welcher Hinsicht rufen meist nach einer Weile Probleme hervor (S. 35). Es gibt in der Tat Daten, die auf einen Zusammenhang zwischen dauerhaft hohen (!) Spielzeiten am PC und schwachen Schulleistungen hinweisen. „Aber würde das auch bedeuten, dass der [Noten-]Schnitt nach oben geht, wenn sie mit den Spielen aufhören? (S. 48).
Computerproblem oder Beziehungsproblem?
Milzners Grundthese: „Tatsächlich ist aus meiner Sicht ein großer Teil des Computerproblems ein Beziehungsproblem (S. 22). Es sei so bequem, die Schuld für Auffälligkeiten in der kindlichen Entwicklung auf einen externen Sündenbock abzuschieben, statt sich dem eigentlichen Problem zu stellen: Kümmern wir uns genug und in angemessener Weise um unsere Kinder? (S. 38).
Und andererseits: Abweichendes Verhalten ist typisch für jede nachwachsende Generation. Sie sucht ihren eigenen Weg durch Abgrenzung und indem sie sich auf Veränderungen der Lebenswelt einstellt, zu denen heute und zukünftig die neuen Medien zweifellos gehören. Oft leichter als ihre Eltern, die dann ihre teilweise durchaus berechtigten Sorgen über die gesellschaftlichen Veränderungen auf die Kinder projizieren (S. 20, S.41ff.). „Was heute noch wie ein Störungsbild wirkt, kann morgen eine Kernkompetenz sein (S. 17).
Neue Medien in der Schule
Was heißt das dann aber für „gute Schule? Wird Unterricht besser, wenn es mehr Whiteboards in den Schulen gibt, Kinder mit eigenen Tablets arbeiten dürfen?
Auch hier kommt es auf den Kontext an. „Lernkultur nennen Thomas Irion und Markus Peschel den entscheidenden Faktor in ihrem hilfreichen Sammelband „Grundschule und neue Medien 2.0, kürzlich veröffentlicht vom Grundschulverband (Beiträge zur Reform der Grundschule, 2016).
Mit welchen Inhalten könnenbzw.sollen sich Kinder über welche methodischen Zugänge und in welchen sozialen Konstellationen auseinandersetzen? Kluge Antworten auf diese didaktischen Grundfragen bestimmt die Qualität des Unterrichts nicht der bloße Wechsel von einem Medium zum anderen.
Insofern ist immer wieder konkret zu fragen: Was können digitale Medien, was Umwelterkundung, was Gespräche in der Gruppe oder Lesen in Büchern nicht leisten? Da gibt es schon Einiges:
  • stufenweise Veranschaulichung von Aufgaben in Mathematik, wenn ein Kind Schwierigkeiten mit bestimmten Rechenverfahren hat;
  • Aussprechen oder Erklären unbekannter Wörter, sodass auch Leseanfänger selbstständig sie interessierende Texte lesen können;
  • interaktive Zugänge zu biologischen oder technischen Vorgängen über Simulationsprogramme, sodass im Sachunterricht Hypothesen über Wirkungszusammenhänge gezielt ausgetestet werden können.
Neue Medien eröffnen durchaus neue Chancen. Aber nur dem, der ein...

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