1. – 6. Schuljahr

Wolfgang Beutel im Gespräch mit der Bildungsforscherin Raingard Knauer

„Das darfst du gar nicht alleine entscheiden!

Ein Gespräch über demokratische Mitgestaltung in der Kita

Mitsprache beginnt nicht erst in der Schule. Über die Möglichkeiten und Hindernisse demokratischer Mitwirkung in der Kita hat Wolfgang Beutel mit der Bildungsforscherin und Mitbegründerin des „Instituts für Partizipation und Bildung, Raingard Knauer, gesprochen.

Wolfgang Beutel (WB): Was kann in der Kita an demokratischer Mitgestaltung umgesetzt und was kann dabei gelernt werden?
Raingard Knauer (RK): Die Kita ist für Kinder eine „Gesellschaft im Kleinen. Sie erfahren hier, ob sie Rechte haben, ob ihre Ideen und Interessen wichtig sind und wobei sie mitentscheiden können. Dabei geht es um ihre Themen, um Fragen wie:
  • Dürfen Kinder selbst entscheiden, was und wie viel sie essen?
  • Dürfen sie selbst entscheiden, ob und von wem sie gewickelt werden wollen?
  • Dürfen sie selbst entscheiden, was und mit wem sie spielen?
  • Dürfen sie mitentscheiden, welche Spielregeln gelten sollen?
  • Dürfen sie mitentscheiden, wie die Räume eingerichtet werden?
Es können aber auch Fragen sein, von denen man zunächst gar nicht annimmt, dass Kinder hierzu eine Meinung haben können etwa: Dürfen Kinder mitentscheiden, wofür Geld ausgegeben wird oder gar wer als nächste pädagogische Fachkraft eingestellt wird?
In unseren Projekten haben wir zahlreiche Beispiele dafür, dass Kinder bei all diesen Fragen beteiligt werden können. Das erfordert allerdings, dass die Erwachsenen ihnen die Themen und Entscheidungen so aufbereiten, dass die Kinder auch verstehen, um was es geht. Partizipation muss didaktisch-methodisch gestaltet werden, damit die Kinder auch wirklich Chancen haben, sich zu beteiligen.
WB: Leisten die Kitas durch Demokratie und Mitbestimmung der Kinder einen Beitrag zur Verwirklichung der Kinderrechte, und wo liegt dabei der entscheidende pädagogische Anknüpfungspunkt?
RK: Kitas sind verpflichtet, Kinder zu beteiligen. Dies ist international in der UN-Kinderrechtskonvention geregelt und national im SGBVIII. Hier heißt es in § 8: „Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen. Im Rahmen der Verabschiedung des Kinderschutzgesetzes wurde die Verpflichtung zu Partizipation und der Nachweis von Beschwerdemöglichkeiten für Kinder 2012 sogar zur Voraussetzung für die Erteilung einer Betriebserlaubnis (§ 45 SGBVIII) für Kitas.
Während Kinderrechte für Kindertageseinrichtungen als Teil des Systems der Kinder- und Jugendhilfe sehr deutlich festgeschrieben sind, fehlt eine entsprechende Regelung in den Schulgesetzen der Länder bislang.
Aber auch wenn Kitas dazu verpflichtet sind, Kinder zu beteiligen, ist die Realisierung dieses Kinderrechts stark davon abhängig, ob die Erwachsenen Kindern dieses auch zugestehen. Je jünger Kinder sind, desto weniger können sie ihre Rechte einfordern und umso mehr liegt es in der Verantwortung der Erwachsenen, Partizipation zu gestalten.
Dabei stehen Kinderrechte grundsätzlich allen Kindern zu unabhängig vom Alter, der sozialen oder kulturellen Herkunft oder den ökonomischen Lebensverhältnissen ihrer Eltern. Es ist Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte, den Alltag der Kita so zu gestalten, dass jedes Kind seine Beteiligungsrechte im Alltag auch tatsächlich wahrnehmen kann.
WB: Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich für die frühkindliche Bildung, wenn Mitbestimmung und Anerkennung zu Leitprinzipien des pädagogischen Alltags werden?
RK: Am wichtigsten in diesem Zusammenhang ist die Auseinandersetzung mit Macht. Pädagogische Beziehungen sind immer auch Machtbeziehungen. Erwachsene sind gegenüber jungen Kindern nicht nur körperlich überlegen, sie verfügen auch über
  • Gestaltungsmacht (sie entscheiden über Tagesstrukturen, die Gestaltung der Räume etc.),
  • Verfügungsmacht (sie entscheiden darüber, wofür...

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