1. – 4. Schuljahr

Jenny Wozilka

Wie wahr1 ist, was ich denke?

Philosophieren als Datenprüfung

Auch philosophische Daten Argumente lassen sich sammeln und prüfen. Beim gemeinsamen Nachdenken über eine Fragestellung ergeben sich verschiedene Blickwinkel, die gegeneinander abgewogen werden. Auf diese Weise kann man sich mit Kindern „dem Kern von Dingen und Fragen annähern.

Aussagen von Kindern aus moderierten Gesprächsgruppen zum gemeinsamen philosophierenden Nachdenken sind Ausgangspunkt dieses Beitrags. An die Denkleistungen, schöpferischen Ideen und Wortfindungen, die in den Äußerungen aufzufinden sind, wird angeknüpft und es wird aufgezeigt, mit welchen Verfahren die Aussagen einer gemeinsamen Prüfung unterzogen werden können.
Strategien der philosophierenden Datenprüfung
In der philosophischen Tradition entspricht ein Datum einem Argument. Es besteht aus einer Behauptung, der eine Begründung folgt, ein Beweis und ein Beleg bzw. konkretes Beispiel, um die Schlussfolgerung ziehen zu können, dass sich die Behauptung bestätigt oder widerlegt werden muss.
Im gemeinsamen Gespräch lernen Kinder, ihre Annahmen nicht nur stets zu begründen, sondern auch unterschiedliche Denkstrategien einzusetzen, um mit deren Hilfe auf eine Schlussfolgerung hinzuwirken. Zu solchen Denkstrategien gehören das genaue Beobachten und präzise Beschreiben, so nah wie möglich am Sachverhalt; die Verständigung über bestimmte Begriffe durch deren Veranschaulichung, durch Vergleiche mit Wortfamilie und Wortfeld, nicht zuletzt auch mit dem Gegenteil; das Nutzen der Einbildungs- und Vorstellungskraft, indem gedanklich experimentiert und gespielt wird unter der Vorgabe „was wäre, wenn; die Einfühlung in eine fremde Perspektive, um zu verstehen, und schließlich das Bezugnehmen aufeinander, um zu gewährleisten, dass das Gespräch ein gemeinsamer Denkprozess ist, in dem es ähnliche, aber auch ganz andere, einander widersprechende Positionen gibt.
Exemplarisches Thema: Wann ist etwas noch dasselbe?
Die Frage nach der Identität eines Gegenstandes, eines Menschen hat in der Philosophiegeschichte eine lange Tradition. Die griechisch-antike Geschichte um das Schiff des Theseus, das Jahrhunderte lang im Dienst einer kultischen Handlung stand, dessen Teile aufgrund von Verwitterung und Zerfall nach und nach ersetzt werden mussten, was die antiken Philosophen zur Frage nach seiner Identität führte (Martens 1999, S. 31 – 35) diese mythologische Geschichte hat der Kinderphilosoph Gareth B. Matthews für Kinder umgeschrieben (Matthews 1989, S. 62 – 75).
In seiner Geschichte gibt es einen kindlichen Protagonisten, Fred, der beim Abendessen im Familienkreis von einer ihn sehr beeindruckenden Begehung des anscheinend ältesten Rah-Seglers berichtet und während des Gesprächs auf Argumente gestoßen wird, die in ihm Zweifel aufkommen lassen, ob es sich tatsächlich um das älteste Schiff oder lediglich um einen Nachbau handelt (Abb. 1 ). „[] Aber der Führer hatte gesagt, so heißt es am Ende der Geschichte, „es wäre der älteste Segler auf dem Wasser. Das wusste Fred sicher (Matthews, 1989, S. 66).
Warum er das sicher wüsste? Mit dieser ausgesprochen philosophischen Frage2, die ein Kind einer Gruppe von einzelnen Dritt- und Viertklässlern stellt, der die Geschichte vorgelesen wurde, beginnt das von Studierenden moderierte Gespräch3 dazu . Anhand von Ausschnitten aus den Gesprächen soll anschaulich gemacht werden, wie der Gehalt einzelner Kinderäußerungen mit Bezug auf das philosophierende Nachdenken zu bewerten und einzuordnen ist. An welchen Stellen könnte es Sinn machen, die Äußerungen anhand von Impulsen und Nachfragen im Sinne einer Datenprüfung zu vertiefen, gewissermaßen auszudehnen und für das Denken in der Gemeinschaft aufzuschließen?
Datenprüfung durch Analogisieren
Der erste Denkschritt liegt für die Kinder darin, in einer Geschichte, einer besonderen Situation, einem Fall oder einem komplexen Gegenstand ein tieferliegendes Problem zu...

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