1. – 4. Schuljahr

Lis Schüler | Mechthild Dehn | Daniela Merklinger

„Wenn man keine Angst kennt

Beobachtung und Kommentar von Daniela Merklinger

In einer vierten Klasse führen zwei Studentinnen ein Vorlesegespräch zu dem Bilderbuch „Hast du Angst?, fragte die Maus (Schami/Schärer 20176) durch. Die kleine Maus Mina ist auf der Suche danach, was Angst ist. Als Erstes geht sie zum Löwen, der ihr auf die Frage antwortet, er mache Angst, habe aber keine.
Daraufhin brüllt er laut, um ihr Angst zu machen (Abb. 1 ), aber Mina hat keine Angst. Die Seite endet mit den Worten: „,Da, hast du sie nun?, rief der Löwe. ,Was denn? Wo denn? Du warst sehr laut, aber eine Angst kam nicht heraus. ,Du musst verrückt sein, sagte der Löwe. ,Denn nur Verrückte haben keine Angst vor mir.’’’ Die Studentin blättert um, zeigt die nächste Bilderbuchseite (Abb. 2 ). Nach 30 Sekunden ruft sie, ohne eine Frage zu stellen, Majda auf.
1 Majda: Ähm, also ich glaube, die Maus geht dann zu einem NILpferd und fragt es. Madlina.
2 Madlina: Ähm, ja::, also das Maus geht zu einem Nilpferd und vermutlich, weil das Maus noch nicht weiß, was Angst ist, kommt dieses Maus dann WIEder nicht Angst. [1 Sek.] WEIL, die WEIß ja nicht, was Angst ist. [1 Sek.] Ja. Majda.
3 Majda: Ich denke, dass die Maus jetzt weiter gegangen ist und ein NILpferd getroffen hat und gesagt hat: Kannst du mir vielleicht Angst (xxx) was Angst. [1 Sek.] Danilo.
4 Danilo: Also, ich denke die Maus wird NIE Angst kriegen, weil sie kennt JA gar keine Angst. Wenn man etwas nicht KENNT, dann kann mans ja eigentlich auch nicht wissen, was es halt ist. [6 Sek.]
5 Studentin: Danilo und auch Madlina haben jetzt gesagt, die Maus KANN eigentlich keine Angst haben, wenn sie Angst noch gar nicht KENNT. [2 Sek.] Seht ihr das alle so?
6 Kinder: Ja. Mhm.
7 Danilo: [murmelt] Wenn man keine Angst kennt, kann man auch gar keine Angst haben.
8 Studentin: Thomas.
9 Thomas: Ich glaube, sie kann äh kann schon äh: viel Angst haben. Nur sie bezeichnet das nicht als Angst.
10 Kind: [zustimmend] Mhh. [2 Sek.]
11 Danilo: Ja, dann ist es ja auch eigentlich gar keine RICHtige Angst. [2 Sek.]
12 Majda: Für SIE halt nicht.
13 Studentin: Danilo, wie meinst du das?
14 Danilo: Ja:, also, wenn, wenns [1 Sek.] sie hat dann halt keine richtige Angst. [1 Sek.] Wo wei:l sie fühlt sich dann nicht so Angst, sondern eher [2 Sek.] ich weiß jetzt nicht, wie ich das erklären soll. [4Sek.] Emilia.
15 Emilia: Also, ich denke, sie hat ANGST, aber sie WEIß gar nicht, dass sie Angst hat. [2 Sek] Weil sie das nicht kennt. [4 Sek] Mathilda.
16 Mathilda: Ich, ich glaube, dass, dass das NILpferd keine Lust hat, das der Maus zu erklären. [2 Sek.]
Nun liest die Studentin den Schrifttext zur Bilderbuchseite mit dem Nilpferd vor.
Kommentar
Kommentar
Die Szene zeigt, wie es gelingen kann, dass in einem Gespräch über ein Bilderbuch offene Räume entstehen, in denen Kinder komplexe Gedanken entfalten und gemeinsam Bedeutungen aushandeln können.
Es entwickelt sich ein intensiver Austausch darüber, ob es Erfahrungen jenseits von Bewusstsein und Sprache gibt, und auch darüber, wie beides miteinander zusammenhängt. Dabei kommen die Kinder an die Grenze des Sagbaren. Das Gespräch bewegt sich im Wesentlichen zwischen zwei Positionen: 1. Die Maus kann keine Angst haben, wenn sie keine Angst kennt (Madlina, 2; Danilo, 4 und 7). 2. Die Maus kann (viel) Angst haben, bezeichnet sie aber nicht als solche (Thomas, 9). Danilo überzeugt das nicht: „ja dann ist es ja auch eigentlich gar keine RICHtige Angst (11). Er versucht es auf Nachfrage der Studentin (13) genauer zu erklären, findet aber keinen alternativen Begriff für das, was die Maus in dieser Situation fühlen könnte (14) der Gedanke wird im Gespräch nicht weiter verfolgt.
  • Eine Voraussetzung ist die Auswahl des Bilderbuchs. „Hast du Angst?, fragte die Maus eröffnet Deutungsspielräume und berührt ein existenziell bedeutsames Thema, mit dem die Kinder sich im Schutze der Fiktion...

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