1. – 4. Schuljahr

Heiner Oberhauser

Daten in der Hosentasche

Sammeln als Lerngelegenheit

Steine, Stöcke, Muscheln Kinder sammeln gern. Sammeln hat etwas mit Staunen über die Welt zu tun, die Kinder nehmen ihre Umwelt dabei bewusst wahr. Diese Wahrnehmung macht das Sammeln pädagogisch bedeutsam und lässt sich für vielfältige Lernprozesse nutzen.

Inspiziert man den Inhalt der Hosentaschen von Kindern oder wirft man einen Blick in die versteckten kleinen Taschen an ihren Rucksäcken oder Sporttaschen, offenbart sich oft ein Sammelsurium an unterschiedlichen Dingen (Abb. 1 ). Diese Taschensammlungen entstehen manchmal ganz beiläufig, in anderen Fällen liegt ihnen ein gezieltes Vorgehen zugrunde. Einzelne Objekte dieser Taschensammlungen wandern in stetigere Sammlungen. In den Kinderzimmern gibt es Boxen, Schubladen oder Regale, in denen ganz unterschiedliche Dinge von Steinen über Schneckenhäuser bis hin zu Spielsachen, Sammelkarten und Figuren gesammelt werden.
Sammeln und „Daten
Auf den ersten Blick betrifft dieses kindliche Sammeln das, was in der Schule gelernt wird, nur wenig. Sie sammeln freiwillig und tun dies weitestgehend unabhängig von dem, was im Unterricht von ihnen verlangt oder erwartet wird. Erst ein zweiter Blick offenbart die pädagogische Bedeutung ihres Tuns und den Bezug zu dem thematischen Schwerpunkt dieses Hefts, den Daten.
„Daten ist ein Begriff, der für Kinder zunächst sperrig ist, seine Bedeutung ist abstrakt. Bei der Verwendung alltäglicher Ausdrücke wie: „Die Daten sprechen für sich, „Wetterdaten, „Die Daten zeigen …” wird aber deutlich, dass Daten gesellschaftliche Relevanz zugesprochen wird. Sie assoziieren Wissenschaftlichkeit und Objektivität und werden häufig auf eine Ebene mit unumstößlichen Fakten gestellt. Daten haben argumentative Bedeutung in Diskursen, und dennoch spielt die Frage, wie Daten generiert werden, in der Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle. Sie wurden und werden mit bestimmten Verfahren und nach bestimmten Kriterien gewonnen und angelegt, strukturiert und ausgewertet. Mit der grundlegenden Frage, wie Daten zustande kommen, wird der Anknüpfungspunkt zum kindlichen Sammeln deutlich. Aus pädagogischer Sicht ist es wichtig, Kindern einen Zugang zum abstrakten Datenbegriff zu ermöglichen, der an ihre eigenen Erfahrungswelten anknüpft und es ihnen ermöglicht, ein Konzept davon zu entwickeln, was Daten sind und mit welchen Methoden sie gewonnen werden. Auch wenn wissenschaftliche Erkenntnisstrategien für Kinder wenig greifbar sind, ist ihnen das grundlegende Prinzip der Datengenerierung vertraut das Sammeln.
Sammeln im Licht der empirischen Wissenschaft
Es muss nicht aufwendig hergeleitet werden, dass das Sammeln ein grundlegendes Prinzip in der empirischen Wissenschaft ist. Ein Blick in die Geschichte der Naturwissenschaft oder der Gang in ein naturhistorisches Museum (Abb. 2 ) genügt, um diesen Zusammenhang offensichtlich werden zu lassen. Insbesondere am Beispiel von frühen Naturforscherinnen und -forschern wie Alexander von Humboldt, Carl von Linné oder auch Charles Darwin wird deutlich, dass grundlegende Erkenntnisse in den Naturwissenschaften, die bis heute Geltung beanspruchen, einen Ursprung in der Sammeltätigkeit haben. Umfangreiche Systematiken, wie die von Linné entwickelte binäre Nomenklatur, welche bis heute die Grundlage für botanische und zoologische Taxonomien ist, basierten auf extensiven Sammlungen, welche zunächst auf eher losen Kriterien beruhten und in denen man meint, die Lust am Sammeln selbst erkennen zu können. Ohne das Sammeln der Kinder überhöhen zu wollen, wird deutlich, dass grundlegende Anknüpfungspunkte zwischen kindlichem Sammeln und empirischer Forschung bestehen. Es gibt eine Parallelität zwischen dem Generieren von Daten in der Wissenschaft und dem kindlichen Sammeln und Ordnen.
Warum sammeln Kinder?
Trotz dieser Parallelität unterscheidet sich das Sammeln von Kindern vom Sammeln von Erwachsenen und Forschenden....

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